Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.08.2019


Bühne

Der Schmelz der Jugend

in Händels Zauber

Der Innenhof der Theologischen Fakultät öffnet die Arkaden für

Verwirrung, Elegie und Liebesschmerz der barocken Oper.

Gismonda (Valentina Stadler) beoachtet, wie sich Söhnchen Adelberto (Alberto Miguélez Rouco) an Ottones Braut heranmacht (Mariamielle Lamagat).

© LarlGismonda (Valentina Stadler) beoachtet, wie sich Söhnchen Adelberto (Alberto Miguélez Rouco) an Ottones Braut heranmacht (Mariamielle Lamagat).



Von Ursula Strohal

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Innsbruck – Die Reihe Barockoper:Jung ist ein Liebkind des Festwochen-Publikums, das szenisch Fragmentarische, Offene des technikfreien Aufführungsortes in Verbindung mit jugendfrischer Darstellung und hoher musikalischer Qualität verfehlt nicht seinen Reiz. Für heuer wählte Festwochen-Intendant Alessandro De Marchi für den Innenhof der Theologischen Fakultät Georg Friedrich Händels „Ottone, Re di Germania“, ein Werk wie geschaffen für die Aufführung jenseits spekulativen Opernbetriebs. Die Premiere konnt­e am Sonntag in lauer Sommernacht stattfinden, und sie galt nicht nur Innsbruck, denn die Aufführung wandert als Koproduktion 2020 zu den Händel-­Festspielen Halle und den Händel-Festspielen Göttingen weiter.

Es sind junge Menschen, die sich in Rom von den Ereignissen beuteln lassen, die sie selbst heraufbeschwören, unbedacht, wankelmütig, emotionsgesteuert, auch nur passiv, und durchwegs junge Sängerinnen und Sänger. Da sind die Königskinder Otton­e, Sohn und Mitregent des deutschen Kaisers Otto I., und sein­e Cousine Matilda, sowie die Geschwister Teofane, Ottone als Braut bestimmt, und ihr Bruder Emireno, beide Kinder des oströmischen Kaisers Romano. Unruhe stiften Gismonda, Witwe des von Ott­o gestürzten Königs Berengar, die ihren Sohn Adelberto auf dem Thron des Vaters sehen will. Söhne, mit dem Erbe der Väter belastet. Emotional gesteuert, unstet und widersprüchlich sind alle bis auf das Geschwisterpaar aus Byzanz, das den Ereignissen Besonnenheit und Reflexion entgegensetzt.

Händels Musik reiht in psychologisch genauer Beobachtung präzise abgestimmte melancholische Arien-Perlen aneinander, selten ist die Stimmung wütend aufgeheizt.

Die Oper durchzieht Ottones Feinsinnigkeit, bevor auch er in einer der vielen wunderschönen Elegien zusammenbricht. Marie Seidler schenkt ihm ihren eleganten Mezzo und steigernde Intensität. Sein Gegenspieler Adelberto ist mit Alberto Miguélez Roucos Erscheinung und Countertenor auch wirklich sehr jung besetzt. Den drei starken Frauen gehören vornehmlich die dramatischen Momente, in Teofanes Part, bedeutender Musik, die die Zeiten überdauerte, widmet sich Mariamielle Lamagats Sopranschmelz dem Bel Cant­o vollen Herzens. Der üppigere Alt der Angelica Monje Torrez führt die Matilda sicher durch die Klippen ihrer Partie, Valentina Stadlers Mezzo gilt einer eindrucksvollen Studie der zwischen Ehrgeiz und Mutterliebe zerriebenen Gismonda. Emireno gibt Yannick Debus kernige Baritontöne.

Dirigent Fabrizio Ventur­a führt auf der überbreiten Spielfläche die Musik mit sicherer Hand zusammen und ebenso die jugendlich besetzte Accademia La Chimera, die unter seiner Führung den Abend voller Händel-Zauber mit Verständnis, Naturtönen, Duft und Klangsinn erfüllt.

Ausstatterin Bettina Munzer setzte mit Bar, Tisch und Lounge eine Hotelhalle in die Arkaden und hält die Kostüme ganz in Weiß. Regisseurin Anna Magdalena Fitzi vertraute den jugendlichen Ausstrahlungen und Gesten, blieb in der Personenführung individuell natürlich, streute mit Geschmack ein wenig Humor über Verstrickung und Liebesschmerz und einen Hauch Shakespeare über die Verwirrungen der Nacht.