Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.08.2019


Innsbruck

„La Dori“: Nur die Gefühle sind wahr

Festwochen: Cestis in Innsbruck entstandene „La Dori“ mit reichen Emotionen und drastischem Witz im Tiroler Landestheater.

Die alte Dirce (Alberto Allegrezza) ist zur Stelle, um Doris Gift (Francesca Ascioti) gegen ein Schlafmittel auszutauschen.

© LarlDie alte Dirce (Alberto Allegrezza) ist zur Stelle, um Doris Gift (Francesca Ascioti) gegen ein Schlafmittel auszutauschen.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Es sind fast 40 Jahre vergangen, seit René Jacobs in einem denkwürdigen Festwochen-Konzert mit einem kleinen, erlesenen Ensemble Ausschnitte aus Pietro Antonio Cestis „L’Orontea“ auf die Bühne brachte. Mit dem Ergebnis, dass es mehr sein musste: mehr von dieser Oper, mehr von Cesti, mehr frühe venezianische Opernentwicklung in Belebung oder Entdeckung. Viel war zu erleben in Erweiterung, Beziehung, Gegenüberstellung, aber zu erschöpfen ist keine musikalische Epoche.

Ottavio Dantone, fundierter Kenner (nicht nur) der venezianischen Oper, und Regisseur Stefano Vizioli haben nun im Tiroler Landestheater mit einer geglückten Aufführung von Cestis 1657 in Innsbruck uraufgeführter Oper „La Dori“ eine Repertoirelücke geschlossen. Und dabei das Stück nicht zugekleistert, sondern in idealer Durchdringung eine transparente, geschmackssichere und frühitalienisch elegante Produktion voll bezaubernder Musik, Schmelz, Humor und szenischer Mehrdeutigkeit geschaffen. Das Bühnenbild von Emanuele Sinisi und Ralph Kopps Beleuchtungskunst schufen Voraussetzungen für die optische Durchlässigkeit. Zwei durch Projektion verwandelbare Gebäudeelemente seitwärts und eine Sanddüne öffnen sich in die Landschaft, einen barocken Wolkenhimmel, in die Nacht, in den Seelenraum. Da findet eine Geschichte statt, die im Detail kaum nacherzählbar Gefühle und Geschlechter durcheinanderwirbelt. Ohne Kommunikationsmittel und ohne Kenntnis des/der einst Anverlobten bzw. bald Angetrauten ist das Leben kompliziert. Da helfen Anna Maria Heinreichs bunte Kostüme weiter in der zeitlichen, örtlichen und funktionellen Zuordnung, letztlich aber doch nur beschränkt, wenn sich unter den Röcken der reizenden, ein bisschen lesbischen Celinda der ägyptische Prinz Tolomeo verbirgt. Emöke Baráths Metall im Sopran passt hier genau. Der Sklave Ali ist die verlorene Prinzessin Dori, der bzw. die vor dem Happy End auf Suizid-Trip und dem Durcheinander ausgeliefert ist.

Rat weiß Stefano Vizioli mittels einer Personenregie, die hier tatsächlich wieder einmal stattfindet und die Personen und Situationen kurzweilig sortiert. Die venezianische Opernneuheit, den elegisch Leidenden mit ihren schönen Arien komische Figuren entgegenzusetzen, kostet er in der frechen Wortdrastik, der Nähe zur Commedia dell’Arte und dem überrumpelnden Tempo ihrer Dialoge aus. Die Rollen fallen der Dienerschaft zu: dem Narren Golo (Rocco Cavalluzzi), dem Eunuchen Bagoa (Konstantin Derri) und der Amme Dirce, die Alberto Allegrezza urkomisch quicklebendig gibt. (Die tragikomische, nach jungen Männern dürstende Alte verdankt Dominique Visse die szenische Urform.)

Francesca Ascioti schenkt ihren gedeckten Alt dem Schmerz der Dori, Countertenor Rupert Enticknap entlarvt der Regisseur, der viele Figuren und Situationen mit leiser Ironie unterläuft, als standhaft fühlenden, im Ernstfall pubertären Prinz Oronte, der seine Braut Arsinoe vielleicht auch wegen ihres hübschen, leichten Soprans nicht mag. Um ihn die fülligen tiefen Register von Federico Sacchi (Artaxerse) und Pietro Di Bianco (Erasto), in Begleitung der Dori der junge Tenor des Bradley Smith (Arsete).

Ottavio Dantone am Cembalo umhüllt mit seiner wunderbaren Accademia Bizantina Cestis Melodienreichtum und Humor mit warmem Klang und ungeahntem Detailreichtum, fantastisch in der Ausschöpfung farblicher Wandelbarkeit und der oft nur kurz aufblitzenden Charakterisierungskunst.