Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.09.2019


Bühne

Josefstadt: Ermüdung beim Treppensteigen

Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ zum Spielzeitstart in der Josefstadt.

Silvia Meisterle als Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld in „Die Strudlhofstiege“.

© Silvia Meisterle als Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld in „Die Strudlhofstiege“.



Von Bernadette Lietzow

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Wien – Selbst mit großer Kreativität ist kein Gedenktag auszumachen, und doch findet zum Saisonauftakt, verortet an zwei Wiener Theatern, gleichsam ein kleines Doderer-Festspiel statt. Bevor das Volkstheater kommende Woche mit Franzobels Fassung von „Die Merowinger oder Die totale Familie“ in die neue Spielzeit startet, öffnete das Theater in der Josefstadt am Donnerstagabend seine Pforten für Nicolaus Haggs Bühnenadaption des Romans „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“.

Mit dem 1951 publizierten Werk, benannt nach der in kunstvollen Drehungen eine Geländekante im neunten Wiener Bezirk überwindenden Treppe begründete Heimito von Doderer seinen literarischen Ruhm. Regisseur Janusz Kica übernahm in der Josefstadt die Aufgabe, diese pralle „Welt von gestern“ mit all ihren verzweigten Handlungssträngen, den vielen schillernden Protagonisten und deren Gedankengebäuden in Bilder zu übersetzen.

Sein Zugang kühlt Doderers flirrendes, komisches und in seinen Sprüngen radikales Roman-Ungetüm einige Grade herunter. Die Verbindung zur Vorlage soll eher assoziativ erfolgen – alles andere wäre bei einem inhaltsschweren Umfang von über 900 Buchseiten Illusion.

Karin Fritz’ Bühne beschränkt sich auf einen dunklen Raum mit heller Kassettendecke, zeitweilig, Stichwort Rax, mit grünem Blätterwerk verbrämt, sowie auf ein bewegliches Disconter-Sofa. Ihre Kostüme deuten unauffällig die Zeitspanne des Romans zwischen 1911 und 1925 an.

Bleibt also mangels Schauwert das gesprochene Wort der einzelnen Charaktere im Zentrum. Prinzipiell ein Anlass zur Freude, die jedoch im vorliegenden Fall aufgrund einer diesbezüglichen Inhomogenität im Ensemble etwas getrübt ist.

Ulrich Reinthaller ist als der untertitelgebende Melzer, ehemaliger K.u.k.-Major und von der neuen Zeit überrollter Tabakregie-Amtsrat, eine rechtschaffen müde Gestalt, die auch der aus dem Totenreich als eine Art anklagendes Gewissen fungierende Major Laska (Roman Schmelzer) nicht erwecken kann. Von den Frauenfiguren darf Pauline Knof als letztendlich an ihrem Unausgefülltsein zugrunde gehende Etelka von Stangeler Profil entwickeln, ebenso Silvia Meisterle in der Doppelrolle der Editha sowie Mimi Pastré.

Präzise gestaltet Martin Vischer des Autors Alter Ego, den von sibirischer Kriegsgefangenschaft und den Regeln seines gesellschaftlichen Umfeldes zynisch und klarsichtig gewordenen René von Stangeler. Fazit: Einzelne schöne Szenen machen noch keinen gelungenen Theaterabend.