Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.09.2019


Bühne

Irrwitzige Sprachgebäude

Franzobels Doderer-Überschreibung eröffnet die Spielzeit am Volkstheater.

Wut und ein paar Watschen: Peter Fasching züchtigt als Childerich seinen Vertrauten Wänzrödl (Bernhard Dechant).

© LupispumaWut und ein paar Watschen: Peter Fasching züchtigt als Childerich seinen Vertrauten Wänzrödl (Bernhard Dechant).



Von Bernadette Lietzow

Wien – Nach der Adaption des Romans „Die Strudlhofstiege“ an der Josefstadt gelangt Heimito von Doderer erneut zu Bühnenehren. Anna Badoras letzte Saison am Wiener Volkstheater hebt an mit der Uraufführung von „Die Merowinger oder Die totale Familie“ in der Regie der Hausherrin. Sie hat sich für das Unternehmen – das groteske Epos über den Merowinger-Nachfahren und Konstrukteur eines in sich selbst begründeten Familienclans, Childerich III. von Bartenbruch, das der österreichische Leider-nicht-Literaturpreisträger 1962 vorgelegt hat – keinen Geringeren als den Dichter Franzobel ins Boot geholt.

Gute Voraussetzungen, möchte man meinen, kommt nach verwirrend banalen 2,5 Stunden aber zum Schluss, dass sich Doderers ausufernd barocke Werke als recht bühnenuntauglich erweisen.

Im Haus am Weghuberpark entert man mit Gebrüll das kunstvoll verästelte, irrwitzige Sprachgebäude des Romans. Schrilles Orgelgetöse à la Gruselkomödie und eine stramme Blaskapelle in Karo- röckchen sorgen für Ablenkung, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, mit Effekten Unsicherheiten im Umgang mit der (zu) großen Aufgabe zu kaschieren.

Peter Fasching, Langhaar und schwarz gefiederte Jacke (Kostüme: Beatrice von Bomhard), meistert seinen Childerich gewandt und wütet, gelegentlich rappend, über die von einem Treppengerüst mit Spiegelflächen bestimmte Drehbühne (Paul Lerchbaumer/Michael Mayerhofer).

Stets an seiner Seite macht Bernhard Dechant als sein im Wortsinn auf den Hund gekommener Diener Wänzrödl eine gute Figur.

Sebastian Pass rührt als Doderer-Alter-Ego Dr. Döblinger lustvoll und schmierig in der „dicken Watschensuppe“ und verleiht dem ganzen „Blödsinn“ (so lässt Doderer seinen Döblinger im Epilog des Buches resümieren) in einigen schönen Momenten Bühnen-Sinn. Souverän auch Günter Franzmeier als den Childerich schlussendlich stürzender Karolinger Pippin sowie Thomas Frank als Nasenzangen-affiner Nervenarzt Dr. Horn. Kathrin Grumeth schließlich führt als Childerichs letzte Gattin Ulrike die Riege der äußerst undankbaren Frauenfiguren an. Spürbare Anstrengung kennzeichnet diesen Abend, auch auf Seiten der Zuschauer.