Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.09.2019


Bühne

“Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“: Am Ufer des Scherbenmeers

München grüßt Wien: In Martin Kušejs Residenztheater-Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ brillieren die Neo-Burg-Schauspieler.

Eindrücklich und schonungslos: Bibiana Beglau und Norman Hacker sind Albees Paar, das seine Liebe mit Widerständen und Alkohol zelebriert.

© Pohlmann/BurgtheaterEindrücklich und schonungslos: Bibiana Beglau und Norman Hacker sind Albees Paar, das seine Liebe mit Widerständen und Alkohol zelebriert.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Großer Bahnhof für vier neue Ensemblemitglieder, die allesamt Martin Kušejs Ruf vom Münchner Residenztheater an das Wiener Burgtheater gefolgt sind. Bibiana Beglau, Schauspielerin des Jahres 2014, Nora Buzalka, Norman Hacker und Johannes Zirner geben ihren Einstand mit der Wien-Premiere des Ehe-Kriegs-Dramas „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, eine Regiearbeit des frischgebackenen Burgtheater-Direktors aus dem Jahr 2014.

Hart wie die pausenlos konsumierten Alkoholika ist die Sicht auf Edward Albees 1962 am Broadway uraufgeführten All-Time-Klassiker, der in der legendären Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton auf ziemlich eindrückliche Weise medial breitgetretene Lebensrealität mit Leinwand zur Deckung brachte. Der Regisseur und seine Schauspieler entwickelten in ihrer Interpretation dieses von Albee als gesellschaftskritische Beziehungsanalyse angelegten Stückes eine Art doppelte Blick-Führung, die einerseits glasklar und beinhart die fatale Lust am „totalen“ Ehekrieg ausstellt, zugleich aber die Sehnsucht und Zerbrechlichkeit der Charaktere schmerzhaft herausfitzelt.

Die erwähnte gesellschaftskritische Komponente, des Autors scharfes Auge auf die Verlogenheit des satten Mittelklasse-Way-of-Life der US-amerikanischen 1960er-Jahre, in denen man sich, Kalter Krieg links, Vietnam rechts, doch bitte genüsslich am heimischen Bourbon festzuhalten hatte, interessiert hierbei weniger. Kušej will eine Liebesgeschichte erzählen – hart, aber herzlich (dieser Kalauer sei gestattet!).

Grelle Leere dominiert den schwarzen Guckkasten, der die Bühne des Burgtheaters einnimmt, der eiserne Vorhang ist auf halbmast. Eine weiße Wand, wenige Meter Spiel-Raum und dann die scharfe Kante zum Abgrund, der schon zu Beginn mit Glasscherben zugemüllt ist und wo im Lauf der pausenlosen zwei Stunden viele weitere Flaschen und Gläser klirrend ihre letzte Ruhestätte finden werden (Bühne: Jessica Rockstroh).

Es ist zwei Uhr morgens und geladen ist man zu einer „Absacker“-Party bei Bibiana Beglaus „Martha“ und Norman Hackers „George“, die, Whiskey-illuminiert wie frustriert, auf dem schmalen Grat zwischen totaler Zugeneigtheit und erschöpfter Langeweile balancieren. Sie erwarten mit dem Ehepaar Nick und Honey (Johannes Zirner und Nora Buzalka) jungen Neuzugang am College-Campus. Jenem College, dessen Direktor Marthas Vater ist, an dem George rechtschaffen unambitioniert als Historiker arbeitet und das der Biologie-Kanone Nick als Karriere-Sprungbrett dienen soll.

Schrecklich und kathartisch, sobald die Hürden „Fun and Games“, „Walpurgisnacht“ und „ The Exorcism“ (Albees Akte-Einteilung) genommen sind, ist die entäußernde Begegnung dieser vier an ihren jeweiligen Lebenslügen bastelnden Protagonisten. Bibiana Beglau konzentriert in ihrer Martha Daseinsfreude und schärfste Intelligenz, gepaart mit dem schonungslosen Humor, den die Männer in ihrer Umgebung gerne hätten, mit der Bereitschaft zur aufrichtigen Hingabe, so Augenhöhe gewährleistet ist. Diese Bedingung, so hofft man als Zuseher, nimmt George am Ende einer langen Nacht an, einer Nacht, in der seine Frau Sex mit dem jungen Kollegen hat und die süß-naive Honey in ihrer scheinbaren Geistes-Schlichtheit, die nichts anderes als die von weiblicher Existenz erwartete Realitätsbezogenheit ist, sich als seelisch Stabilste erweisen wird.

Spannend, wie der formale Regie-Zugriff, der die einzelnen Szenen innerhalb der Akte durch Schwarzblenden in scharfkantige Scheibchen teilt, eine Identifikation mit den Figuren nahezu verunmöglicht. Und dazu zwingt, sich mit der höheren Idee von Gemeinsamkeit auseinanderzusetzen – mit der Überlegung, inwieweit schonungslose Konfrontation nicht immanenter Bestandteil eines gelungenen Miteinanders sein sollte.

Vielfältig beeindruckend ist dieser Theaterabend – und was für ein Gewinn für das Burgtheater-Publikum, dass diese vier Darsteller die Weißwurst für die nächste Zeit zugunsten des Wiener Schnitzels aufzugeben bereit waren!