Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.09.2019


Bühne

Rechtsabbiegen an der Seite einer Gottheit

Auftakt der Intendanz Kušej am Burgtheater: Ulrich Rasche inszeniert Euripides’ „Die Bakchen“ mit Pomp und Paukenschlag.

Vom Laufband in den Tod: Pentheus (Felix Rech), der Herrscher Thebens, verweigert Dionysos die Anbetung.

© PohlmannVom Laufband in den Tod: Pentheus (Felix Rech), der Herrscher Thebens, verweigert Dionysos die Anbetung.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Eine Eröffnung als Ansage und Ausweis des Kommenden: So und nicht anders sollte die erste Produktion der mit dieser Spielzeit eingeläuteten Direktion von Martin Kušej wohl verstanden werden. „Die Bakchen“, Euripides’ in seinem Todesjahr 406 v.Chr. vollendete Tragödie, gerät in den Händen von Ulrich Rasche, dessen „Maschinentheater“ ein gefeiertes wie umstrittenes Alleinstellungsmerkmal im deutschsprachigen Raum genießt, zu einer aus der antiken Vergangenheit auf das populistisch umtoste Heute weisenden Parabel.

Gespannte Stille herrscht im äußerst prominent besetzten Premierenpublikum, dumpfe Klänge entlockt Katelyn King dem an der rechten Bühnenflanke positionierten Schlagwerk. Der Vorhang hebt sich und, ja, eine „Maschine“ lässt sich im Dunkel ausmachen.

Drei gigantische Laufbänder, die mittels ausgeklügelter Konstruktion hydraulisch verstellbar in die Höhe fahren, sich gefährlich neigen und drehen, sind in den kommenden dreieinhalb Stunden bedrohlicher Schauplatz des erweiterten Zweikampfes von Gott Dionysos und Pentheus, dem Herrscher Thebens.

Dionysos, Sohn des Zeus und der Gott des Weines wie des Rausches in allen seinen Formen, kommt in Menschengestalt in das per Verfassung und „Vernunft“ geregelte Gemeinwesen Theben, wo ihm, bestimmt von Pentheus, Verehrung und Opfer verweigert wurden. Franz Pätzold, neu im Ensemble des Burgtheaters, verkörpert diesen betörend gefährlichen Rächer, der sich mit „Wein und Honigseim“, mit okkultem Brauch und orgiastischen Festen eine Gefolgschaft formte, die er für seine Ziele einsetzen kann.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Pentheus, den Felix Rech als klarsichtigen und doch verführbaren Gegenspieler gibt, wird unterliegen und von der eigenen, von Dionysos verblendeten Mutter Agaue getötet werden.

Hochpräzise donnert das Geschehen von der Bühne, im Rhythmus von Paukenschlägen. Begleitet von minimalistischen Streicherklängen (Musik: Nico van Wersch) verbinden sich das ständige Schreiten der Darsteller und ihre Worte zu einem streckenweise fast schmerzhaft dichten Gewebe.

Mächtig ist der von Markus Meyer angeleitete fünfzehnköpfige Chor (Studierende des Max Reinhardt Seminars und des Konservatoriums Wien), dem zwei Sänger zusätzliche Eindringlichkeit verleihen. Sie sind die von Dionysos aufmunitionierte Masse, sie skandieren, angesteckt von der Lust des Gottes am vernichtenden Chaos, Parolen wie „Wir holen uns unser Land zurück“ – und produzieren unbehagliche Assoziationen mit Aufmärschen Rechtsradikaler.

Gellende Stille herrscht, als die Agaue der Katja Bürkle, Mund und Arm von schwarzem Blut bekleckert, ihren Platz am Laufband einnimmt und sie nur quälend langsam gewahr wird, dass sie im bacchantischen Wahn keinem jungen Löwen, sondern ihrem Sohn Pentheus den Kopf abgerissen hat. Kadmos, Pentheus’ Großvater und Thebens Gründer, muss ihr die Augen öffnen. Martin Schwab gestaltet im Spiel mit Bürkle bewegende Momente.

Es ist eine ganz eigentümliche Sinnlichkeit, die dieser im besten Wortsinn dröhnende Abend verströmt. Die rauschhaften Lustbarkeiten der Jüngerinnen und Jünger von Dionysos sind einzig in einem auf einen durchsichtigen Vorhang projizierten Video (Sophie Lux) angedeutet. Die Wirkung von Ulrich Rasches Arbeit ist enorm, ein Entkommen (fast) unmöglich.

Ergo: begeisterter Applaus.