Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.09.2019


Bühne

Wajdi Mouawads „Vögel“: Ausnahmezustand mit Erkenntnissen

Eine (fast) unmögliche Liebe: Eitan (Jan Bülow), Jude, und Wahida (Deleila Piasko), Araberin.

© APAEine (fast) unmögliche Liebe: Eitan (Jan Bülow), Jude, und Wahida (Deleila Piasko), Araberin.



Wien – Tag zwei im Premierenreigen am Burgtheater unter Neo-Intendant Martin Kušej: Am Akademietheater stemmt der in Israel geborene Itay Tiran, Schauspieler, Regisseur und Teil des neuen Ensembles, mit Wajdi Mouawads Familiensaga „Vögel“ einen ersten, an den stehenden Ovationen abzulesenden, Publikumsrenner auf die Bühne.

Entlang des scheinbar unlösbaren arabisch-israelischen Konflikts baut der libanesisch-kanadische Autor Mouawad sein modernes und an Wendungen reiches Märchen über familiäre Verstrickungen in einem politischen Minenfeld. Die Umsetzung fordert Mehrsprachigkeit, eine der Säulen des Kušej-Konzeptes (die TT berichtete), was aufgrund des bemerkenswerten Ensembles ein äußerst gelungenes Miteinander von arabischer, hebräischer, englischer und deutscher Sprache, begleitet von geschickter Übertitelung, zur Folge hat. Der junge Wissenschafter Eitan (Jan Bülow), Sohn von in Berlin lebenden jüdischen Eltern, verliebt sich in Wahida (Deleila Piasko), Amerikanerin mit arabischen Wurzeln, und löst damit bei Mutter Norah (Sabine Haupt), Kind jüdischer Kommunisten aus der ehemaligen DDR, und bei seinem der jüdischen Tradition extrem verpflichteten Vater David (Markus Scheumann) eine schwere Krise mit Folgewirkungen aus.

Mit der Zugkraft einer erstklassigen TV-Serie entfaltet sich in fesselnden, streckenweise komischen wie berührenden drei Stunden ein Panorama privater Abgründe und den politischen Zeitläuften geschuldeter Verwerfungen. Im Sechstagekrieg rettet Großvater Etgar (Eli Gorenstein) ein palästinensisches Findelkind: Es wird zu seinem Sohn David, was bei Entdeckung der Wahrheit bei diesem wie der gesamten zwischen New York, Berlin und der israelischen Heimstatt der beeindruckenden Großmutter Leah (Salwa Nakkara) verstreuten Familie zu tiefgreifenden Einsichten und einem Tod in Versöhnung führt. Die israelische Soldatin Eden (Nadine Quittner) und der zwischen Islam und Christentum brückenschlagende Diplomat des frühen 16. Jahrhunderts Hasan al-Wazzan, auch Leo Africanus (Yousef Sweid), sind kurze, charismatische Beistände im Identitäts- und Herkunftsdschungel. Eine Empfehlung zum Eintauchen in die neue Burgtheater-Welt. (lietz)

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.




Kommentieren


Schlagworte