Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.09.2019


Wien

„Rusalka“: Bambi auf der Schaumparty

Dvoráks „Rusalka“ im Theater an der Wien: Günther Groissböck und Maria Bengtsson begeistern, Amélie Niermeyers Regie glänzt durch Einfallslosigkeit.

Maria Bengtsson (Mitte) planscht als Nixe Rusalka mit leuchtendem Sopran in die Beziehungskrise.

© THEATER AN DER WIENMaria Bengtsson (Mitte) planscht als Nixe Rusalka mit leuchtendem Sopran in die Beziehungskrise.



Von Stefan Musil

Wien – Des Tschechischen nicht mächtige Zuschauer bekamen im Bühnenbild zu Antonín Dvoráks märchenhafter Nixenoper „Rusalka“ gleich ein Sprachrätsel gestellt: „POZOR!“ Das steht dort auf der Stirnwand über einem Gittertor. Könnte eine Garageneinfahrt sein. Ist der Herr Wassermann Parkwächter hier? Und die vier Mädels, blond, alle in roten Leggings, mit weißen Schlabberblusen und auf silbrig-glitzernden Plateauschuhen staksend, der sexy Hostessentrupp in diesem Hinterhof-Bühnenbild? Christian Schmidt, sonst Claus Guths Ausstatter, hat es entworfen.

Dazu wieder eine große Treppe eingebaut. Die führt auf eine Galerie, während im Stiegenhaus der Wald ins sterile Weiß eindringt. Nachdem laut Libretto Wassermann und Nixen mitspielen, gibt es einen seichten Pool in der Bühnenmitte. Seitlich davon ist ein Rolltor, hinter dem die Hexe sitzen wird, von der sich Rusalka menschliche Gestalt erbittet. Sie hat sich in den Prinzen verliebt, dem sie als weißes Reh erschienen ist. Gegen den Preis ihrer Stimme wird sie ihm an den Hof folgen. Das geht bekanntlich nicht gut. Rusalka kehrt ins Nixenreich zurück, am Ende gibt’s einen tödlichen Kuss für den Prinzen. Durch das Rolltor wird sie danach ins Licht gehen.

„Pozor!“ heißt übrigens „Achtung!“. Man weiß aber nicht, worauf man hier Acht geben soll. Regisseurin Amélie Niermeyer bemüht im Programmheft-Interview natürlich Freud und diverse Symboliken, Wasser, Lösungsprozess vom Vater, Messer in der Hexenszene, Blut, spricht von Suche und Selbstfindung einer jungen Frau. Nichts Neues im Unterbewusstsein. Auf die Bühne blickend fragt man sich jedoch bald, was einem Niermeyer überhaupt erzählen möchte? Dabei stellt sie sogar eine Couch (!) vor den Pool, lässt einen monströsen Luster herabfahren, wenn es ins Menschenreich geht. Die Wände werden dazu reichlich mit Videos beworfen, mit blutigen Füßen, einem wie Zombies tanzenden Chor und kurz bevor Rusalka den Prinzen zu Tode küsst, schaut einen auch noch ein weißes Reh treuäugig an. Mit solchen Äußerlichkeiten camoufliert Niermeyer erfolglos, dass ihr wenig eingefallen ist; ein Konzept fehlt. Sie stibitzt lieber bekannte Teilchen und Mätzchen zusammen und puzzelt sie zu einem Regietheater-Pasticcio, das schal und langweilig ist.

Dabei erlebt man mit Günther Groissböck einen herrlich wohltönenden, differenziert und profund singenden Wassermann, versteht es Maria Bengtsson, viel schöne Sopranleuchtkraft in ihre Rusalka zu investieren, können sich die Waldnymphen von Ilona Revolskaya, Mirella Hagen und Tatiana Kur­yatnikova hören lassen. Auch der Arnold Schoenberg Chor, der zum Fest im Schaumbad tanzen muss, sorgt für Qualitätsmomente, während der Prinz von Ladislav Elgr in seiner Nacktszene bessere Figur macht als beim Singen. Sein Tenor klingt angestrengt, in der Höhe gefährdet, und auch die übrigen Partien kommen über ein Mittelmaß nicht hinaus. Ebenso das Dirigat von David Afkham, dem vor lauter Koordinierungsbemühungen mit dem ORF-Radiosymphonieorchester kaum Zeit für Gestaltung bleibt, was bei dieser großartigen, farbenreichen Partitur nur die halbe Miete macht. Sogar in diesem Hinterhoftreiben, das selbst dem sonst jubelentschlossenen Theater-an-der-Wien-Publikum hörbar weniger Freude bereitete.