Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.09.2019


Bühne

Die helle Fassade und ihre düstere Rückseite

Aufgeklärte Bourgeoisie im Ausnahmezustand: Anne Lenks Burgtheater-Regiedebüt mit Sally Potters „The Party“.

Bürgerliche Existenz und deren Abgründe: Dörte Lyssewski, Christoph Luser und Regina Fritsch am Rande des Nervenzusammenbruchs.

© BurgtheaterBürgerliche Existenz und deren Abgründe: Dörte Lyssewski, Christoph Luser und Regina Fritsch am Rande des Nervenzusammenbruchs.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Neunzig Minuten lang pfeifen Worte wie Querschläger durch die dicke Luft, bevor die reale Pistole gezückt wird. Ein „Peng“ beendet die Premiere von Sally Potters Tragikomödie „The Party“ und damit ein Leben, eine Karriere, eine Ehe und einen Haufen Illusionen.

Die Politikerin Janet (Dörte Lyssewski mit blondem Mireille-Mathieu-Bob) lädt ein, um ihre Nominierung als Schatten-Gesundheitsministerin der linken Oppositionspartei zu feiern. Gefeiert wird jedoch ein turbulentes Fest der geplatzten Lebenslügen: Ihr Ehemann Bill (Peter Simonischek, grandios abgehalftert), der eine Harvard-Laufbahn für seine Frau geopfert hat, enthüllt nicht nur eine Krebserkrankung, sondern auch Trennungsabsicht und neues Liebesglück. Das lesbische Paar, die Professorin für Genderfragen (Barbara Petritsch) und ihre junge Gattin Jinny (Katharina Lorenz), erwarten Drillinge – mit panischer Angst vor den Konsequenzen. Janets beste Freundin April (Regina Fritsch) und deren Noch-Partner, der deutsche Lebenscoach Gottfried (hochkomisch in Schafwoll-Joppe: Markus Hering) kommentieren die zunehmende Schieflage des bunten Abends jeweils auf ihre Art: spitzzüngig und beinhart analysierend die intellektuelle April, mit Meditation, esoterischen Kalendersprüchen und großem Herz der sanfte Gottfried. Mit Koks und leisem Irrsinn begegnet der slicke Banker Tom (schönes Burg-Debüt: Christoph Luser) dem eben erst angekündigten Ende seiner Beziehung mit der auf der Bühne abwesenden, im Kopf einiger Protagonisten aber heftig präsenten Marianne.

Die britische Filmemacherin Sally Potter hat das Drehbuch ihres 2017 erschienenen Films für die Bühne adaptiert, in den Händen der gefeierten deutschen Regisseurin Anne Lenk lag es nun, diesen durchtrieben spaßigen wie tragisch entblößenden Abgesang auf linksliberale Lebens- und Denkentwürfe ins Theater zu übersetzen. Ist der Film, kongenial besetzt mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz oder Emily Mortimer, mittels Handkamera, Schwarz-Weiß und Echtzeit auch formal bemerkenswert, so zeigen sich am Burgtheater, abseits der sichtbaren Spiellust des Ensembles, einige Schwächen. Mag sein, dass das mangelnde Tempo dem auf mehreren Ebenen angeordneten Raumkonzept (Bühne: Bettina Meyer) geschuldet ist. Ständige Blenden führen in die Küche, in der Janet mit Schürze (April: „postmodern-postpostfeministisch-21.-Jahrhundert-mäßig“) an Pastetchen werkelt, ins Badezimmer (Schauplatz von Toms Koks- wie Jinnys Kotzorgien), in Bills Wohnzimmerreich zu Schallplattensammlung und Hausherren-Zynismus. Pointe und Eklat, Trostlosigkeit und das Erkennen der Grenzen des eigenen politischen Selbstverständnisses, das ganze Füllhorn von Potters Vorlage, wird in dieser Inszenierung, die im Übrigen ein akustisches Problem hat, nicht ausgeschüttet. Höflicher Applaus.