Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.09.2019


Kammerspiele

Stimme und Stimmung wird Geste und Gebärde

Seit 2009 gibt es am Landestheater Vorstellungen für Gehörlose. Am Samstag wird „Die Deutschlehrerin“ gedolmetscht. Ein Blick hinter die Kulissen.

Schauspieler (Antje Weiser, links, und Jan-Hinnerk Arnke) und ihre „Stimmen“ für Gehörbeeinträchtigte: Claudia Bair und Caroline Bergsleitner.

© Thomas Boehm / TTSchauspieler (Antje Weiser, links, und Jan-Hinnerk Arnke) und ihre „Stimmen“ für Gehörbeeinträchtigte: Claudia Bair und Caroline Bergsleitner.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Bühnenadaption von Judith Taschlers Roman „Die Deutschlehrerin“ in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters hat sich bewährt. Schon in der vergangenen Saison war das Stück ein Publikumsrenner. In der neuen Spielzeit wird es wiederaufgenommen. Bei der Vorstellung an diesem Samstag ist trotzdem einiges anders. Die Schauspieler Antje Weiser und Jan-Hinnerk Arnk­e, die das Zweipersonenstück tragen, werden sich die Bühne mit den Gebärdensprachdolmetscherinnen Claudia Bair und Caroline Bergsleitner teilen, die ihre Worte für Gehörlose übersetzen.

Eine Aufführung pro Spielzeit bietet das Landestheater mit diesem Service an. Als einziges Theater Österreichs. Inzwischen geht das Projekt in sein elftes Jahr – und hat sich ein Stammpublikum erspielt. Nicht nur aus Tirol, auch aus Bayern und Südtirol reisen gehörlose Theatergänger an.

„Grundsätzlich können wir alles übersetzen, auch verschiedene Dialekte oder lokale Sprachfärbungen und Musik“, sagt Claudia Bair, die seit der ersten Aufführung für Gehörbeeinträchtigte im Herbst 2009 im Landestheater dolmetscht. 2017 etwa wurde mit „Der Watzmann ruft“ sogar ein Musical übersetzt. Ein hoch­ironisches noch dazu. Bei der Musik, erklärt Bair, würden Oberkörper und Beine zu den Instrumenten, während Mimik und Gestik den Text übersetzen. Theoretisch wäre sogar eine Oper möglich. Und Ironie sei sowieso kein Problem: „Für alle Stimmungen, die Schauspieler in ihre Stimme legen, gibt es eine Entsprechung.“

Als erstes Stück wurde 2009 „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad auch für Gehörlose angeboten. Auf Initiative des Schauspielers Sebastian Hofmüller, der mit einer Dolmetscherin verheiratet ist. Inzwischen werden die Aufführungen vom Landestheater in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Gehörlose Innsbruck und dem Gehörlosenverband Tirol organisiert. Rund 80 gehörlose oder hörbeeinträchtigte Personen besuchen die Vorstellungen, die auch hörendem Publikum offen stehen. „Die Reaktionen sind durchwegs positiv. Von Hörenden werden wir nach den Aufführungen angesprochen. Viele wollen wissen, wo man Gebärdensprache lernen kann“, sagt Dolmetscherin Caroline Bergsleitner, die sich vorstellen könnte, dass barrierefreie Aufführungen öfter angesetzt werden. „Der Aufwand ist groß. Wir lernen den Text, studieren Aufzeichnungen der Produktion, feilen mit Regie und den Schauspielern an den Feinheiten.“

Für die Schauspieler bedeutet die Präsenz der Dolmetscherinnen eine gewisse Umstellung. „Manche sind zunächst irritiert“, sagt Claudia Bair. Bei der „Deutschlehrerin“ dürften Irritationsmomente aber ausbleiben. „Beide Schauspieler haben Erfahrung mit gedolmetschten Vorstellungen“, sagt Bergsleitner und stellt klar: „Wir spielen ja nicht mit und stehlen niemandem die Schau. Wir übersetzen das, was gesagt wird. Selbst wenn ein Schauspieler einen Texthänger hat und improvisieren muss, überspielen wir das nicht.“

Die „Deutschlehrerin“ habe sich für die diesjährige Gehörlosenaufführung angeboten, weil jeder Figur eine Dolmetscherin zugewiesen werden kann, sagt Landestheater-Dramaturgin Romana Lautner, die das Projekt seit seinen Anfängen begleitet: „So übersichtlich war es nicht immer, bei der Komödie ‚Außer Kontrolle‘ – 2013 – haben drei Dolmetscher insgesamt 10 Rollen übersetzt. Und dass sich die die Stichworte in Mördertempo zugeworfen haben, machte die Sache nicht einfacher. Funktioniert hat es trotzdem.“