Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.09.2019


Bühne

Faust als Alleinherrscher im Tagebau

Gebraucht, aber rostfrei: Martin Kušejs Münchner „Faust“-Inszenierung feiert eine glanzvolle Wien-Premiere.

Bibiana Beglau (l.) erhielt für ihre Rolle des „Mephisto“ 2015 den deutschen Theaterpreis „Faust“. In Wien ist sie zusammen mit Werner Wölbern als Faust zu sehen.

© HornBibiana Beglau (l.) erhielt für ihre Rolle des „Mephisto“ 2015 den deutschen Theaterpreis „Faust“. In Wien ist sie zusammen mit Werner Wölbern als Faust zu sehen.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Zu Beginn treten Philemon und Baucis auf den Plan. In lichter Höhe, hinter dem Maschendraht der von Aleksandar Denic mittels Industriekran, einer Art Baggerhäuschen und Lagerhalle in einen Tagebau verwandelten Drehbühne, taucht das greise Liebespaar auf und kündet von einem Dasein in Würde.

Menschenwürde und Selbstlosigkeit sind keine Werte, die Faust und seine Spießgesellen umtreiben in den drei Stunden dieser an Gewalt wie Verzweiflung, gemeinschaftlichem Rausch wie tiefster Einsamkeit prallvollen Inszenierung von Goethes Klassiker. Vor fünf Jahren feierte Martin Kušejs gemeinsam mit den Dramaturgen Angela Obst und Albert Ostermaier erarbeitete radikal­e Interpretation, die wohl als Szenenfolge entlang von Goethes Faust I mit Einsprengseln aus Faust II zu charakterisieren ist, ihre Premiere an des neue­n Burgtheaterdirektors damaliger Wirkungsstätte, dem Münchner Residenztheater.

Bibiana Beglau erhielt für ihre Rolle des „Mephisto“ 2015 den deutschen Theaterpreis „Faust“ und zeigt ihre gigantisch überbordende „Aasigkeit“ nun in der Wiener Aufführung – als neues und vom Burgtheater-Publikum schon ins Herz geschlossenes Ensemblemitglied. Gemeinsam mit Werner Wölberns fesselndem „Faust“, einem CEO in der „Nehmen, was geht“-Spirale, treiben sich hier zwei erschreckend ausgelaugte Untote auf der Suche nach dem finalen Kick durch eine finstere Szenerie zwischen Techno-­Club, Junkienutten-Strich oder Hexenboudoir. Sex, rohe Gewalt, das Selbstmordattentat eines mit Sprengstoffgürtel gezierte­n Kindes, Drogenrausch und Bestialität sind die Eckpunkte von Fausts entgrenztem Lustgewinn.

„Von Freud war nicht die Rede“, merkt Frau Mephisto an, die mit ihren Rückenwunden, die auf ausgerissene Flügel eines gefallenen Erz­engels schließen lassen, dem schlechten Anarchie-Tattoo auf dem Schenkel und ihrer vampirischen Lust wie eine sonderbare Schmerzensmann-Karikatur um Faust kreist.

Bert Wredes die Erzählstränge kommentierende Musik, Glockengeläut, Explosionen und Club-Lärm untermalen das dunkle Treiben. Ganz still und gleißend hell wird es, wenn Gretchen erscheint. Andrea Wenzl stellt hier eine frappierende Lichtgestalt auf die Bühne, kein naives Mägdelein, sondern eine junge Frau mit dem selbstbewussten Wunsch nach Liebe und einem glücklichen Leben.

Freilich ist sie chancenlos und Spielball im Pakt zwischen Faust, Mephisto und wohl auch Frau Marthe, die Alexandra Henkel mit allen Attributen einer äußert zeitgenössischen Kupplerin ausstattet. Gretchen haucht blutig ihr Leben aus, das in seiner tragischen Kürze doch so viel mehr Schönheit und Sinn enthielt als jene von Raserei und Egomanie getragene Existenz von Faust und seinem jenseitigen Alter Ego Mephisto.

Kušej und das exquisite Schauspieler-Ensemble erteilen den „Faust“-Sehgewohnheiten eine scharfe Absage, legen damit jedoch einen neuen Sichtkanal auf Goethes Werk. Einige Premieren-Buhs für den Regisseur und Jubel für die Darsteller.




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