Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.10.2019


Bühne

„Der Theatermacher“ im Kellertheater: Dauergrantelnder Haustyrann

Bitter-böse und sehenswert: Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ im Innsbrucker Kellertheater.

Ist da jemand? Theaterdespot Bruscon (Klaus Rohrmoser) lugt durch den Bühnenvorhang. Die „untalentierte Brut“, (v. l.) Sohn Ferruccio (Edwin Hochmuth), Frau Agathe (Susanne Schartner) und Tochter Sarah (Wiltrud Stieger), macht böse Miene zum bösen Spiel.

© KellertheaterIst da jemand? Theaterdespot Bruscon (Klaus Rohrmoser) lugt durch den Bühnenvorhang. Die „untalentierte Brut“, (v. l.) Sohn Ferruccio (Edwin Hochmuth), Frau Agathe (Susanne Schartner) und Tochter Sarah (Wiltrud Stieger), macht böse Miene zum bösen Spiel.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Bruscon ist sein Name, und man möge das bitte sehr nasal aussprechen. Schließlich ist Bruscon etwas Besseres, zumindest geriert er sich wie ein ganz Großer, einem Staatsschauspieler gleich, der eigentlich ins Burgtheater gehört.

Der Reality-Check schmerzt da ungemein. Denn Theater gespielt wird heute an ganz anderer Stätte: im grindigen Gasthaus eines Provinzkaffs, mit improvisierter Bühne und Schweinegestank von draußen. Hier, bei einem mäßig interessierten Wirt (gespielt von Elmar Drexel), strandet Impresario Bruscon in „Der Theatermacher“, Thomas Bernhards bitterbösem Blick auf Not und Elend eines erfolglosen Bühnendaseins.

Das Kellertheater stellt das 1985 uraufgeführte Stück an den Beginn seiner herbstlichen Spielzeit. Am Freitag war Premiere. Unter dem Motto „Hurra, wir leben noch!“ feiert das kleine Innsbrucker Schauspielhaus heuer seinen 40. Geburtstag.

Die Inszenierung von Verena Schopper zirkuliert um den dauergrantelnden Bruscon, der ja selbst glaubt, dass die Welt sich um ihn dreht.

Mit Klaus Rohrmoser ist der unverträgliche Möchtegern-Irgendwas hervorragend besetzt. Im Look eines alternden Dandys lässt Bruscon eine Bernhard’sche Suada vom Stapel, auf das nazibraune Österreich im Allgemeinen und die Perversität des Theaters im Speziellen. Rohrmoser wirkt schon am ersten Abend förmlich verschmolzen mit seiner Rolle. Nach bald 50 Karrierejahren wird ihm manch menschlicher Abgrund des Bühnenlebens wohl auch bekannt vorkommen.

Am meisten Häme setzt es für die „eigene, untalentierte Brut“, die vom Patriarchen Bruscon dazu vergattert wird, bei der verqueren Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ als bloße Statisten mitzuwirken.

Seine Frau Agathe (Susanne Schartner) spricht kein einziges Wort mehr, so viel an Spott hat sie schon zu hören bekommen. Sohn Ferruccio (Edwin Hochmuth) ist wenigstens als Enttäuschung eine Konstante. Tochter Sarah (Wiltrud Stieger) muss dem Vater die Zehen massieren und ihm sagen, wie toll er sei.

Dabei, man weiß es wohl: Die größten Schreier tragen in ihrem Inneren ein Grundproblem mit sich herum, das sie zu menschlichen Monstern werden lässt. Bei Bruscon sind es Selbstzweifel. Je näher der Auftritt rückt, desto stärker werden sie.

Thomas Bernhards Rundumschläge ernten immer noch Lacherfolge. Etwa dieser hier: „Ein talentierter Schauspieler ist so selten wie ein Arsch im Gesicht.“ Hier irrte sich Bernhard allerdings. Sein Stück im Kellertheater ist definitiv sehenswert, weil kurzweilig, unterhaltsam und gut schau-gespielt.