Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.10.2019


Festspiele Erl

Erler Erntedank: Wo das Wort aufhört

Aufwühlend und verzaubernd: Timothy Chooi und Valentin Uryupin mit Sibelius-Werken in Erl.

Violinist Timothy Chooi und Dirigent Valentin Uryupin begeisterten mit dem Orchester der Tiroler Festspiele beim Erler Erntedank.

© OtterViolinist Timothy Chooi und Dirigent Valentin Uryupin begeisterten mit dem Orchester der Tiroler Festspiele beim Erler Erntedank.



Von Wolfgang Otter

Erl – Es ist schon erstaunlich, wie reif ein 25-Jähriger sein kann, wie tief er in die Musik eintauchen und sich darin verlieren kann. Timothy Chooi war der Star des Freitagabends im Erler Festspielhaus. Zum Auftakt des dreitägigen Erntedank-Reigens stand er mit dem 34-jährigen Valentin Uryupin, der das Orchester der Tiroler Festspiele Erl dirigierte, auf der Bühne.

„Für mich beginnt Musik da, wo das Wort aufhört“, soll der finnische Komponist Jean Sibelius sinngemäß einmal gesagt haben. Und doch hatte er in seinen Werken so viel zu erzählen. So wie in seinem Violinkonzert in d-Moll. Es hatte einen schweren Weg vor sich, bevor es zur Standardliteratur aller großen Violinisten emporstieg, bei der Uraufführung konnte das Konzert dereinst nicht hundertprozentig bestehen, hatte der ausführende Geiger doch große technische Probleme.

Am Freitagabend war Technik überhaupt kein Thema. Da stand ein junger Kanadier auf der Bühne und spielte Geige, als wenn es nichts Einfacheres gäbe. Ein wahres Wunderkind eben, das im Vorjahr den Joseph-Joachim-Wettbewerb gewinnen konnte. Glasklar, hauchend bis kraftvoll – Chooi saugte die finnische Seele von Sibelius in sich auf. Mit aller Ungeduld der Jugend trieb er das Orchester an, das stellenweise etwas zu plump antwortete. Chooi war im interpretatorischen Gedanken Dirigent Uryupin etwas voraus, daher entspann sich auf der Bühne so etwas wie eine wortlose Diskussion zwischen den beiden, was der Musik jedoch nicht schadete, sondern sie noch spannender und lebendiger machte. Chooi wurde nicht ohne Zugabe vom Publikum von der Bühne entlassen.

Vorangestellt hatte Valentin Uryupin das Märchenbild für Orchester „Der verzauberte See“ von Anatoli Konstantinowitsch Ljadow. Bezaubernd und stimmungsvoll schwelgt der Komponist darin in der Harmonie.

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Nach der Pause folgte ein Kraftakt: Jean Sibelius’ 1. Sinfonie in e-Moll. Mit 33 Jahren hatte Sibelius sie vollendet. Voller Kraft, Leidenschaft, Selbstbewusstsein und Energie. Genauso trieb Uryupin das Orchester an, bis zum absoluten Anschlag. Manchmal zu ungestüm, die Zwischentöne überhastend. Verständlich: Bei solch intensiver Musik ist Innehalten schwer. Grandios!