Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.10.2019


Landestheater

“Furor“: Paranoia, Zorn und Thesen-Pingpong

Solide: In „Furor“ trifft ein Wutbürger auf einen Politkarrieristen. Seit Samstag in den Kammerspielen.

Überzeugungstäter, die bis zum Äußersten gehen: Phillip Henry Brehl und Jan-Hinnerk Arnke in "Furor".

© TLT/LarlÜberzeugungstäter, die bis zum Äußersten gehen: Phillip Henry Brehl und Jan-Hinnerk Arnke in "Furor".



Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Furor“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz ist eine Versuchsanordnung. Das Stück denkt an und durch, wie das Treffen eines – mutmaßlich – sozialdemokratischen Politkarrieristen und eines Wutbürgers ausschauen, wie es eskalieren könnte. In den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters kam „Furor“ am Samstagabend gut ein Jahr nach seiner Frankfurter Ur- zur österreichischen Erstaufführung.

Es mag an im Vergleich zu Deutschland äußerst österreichischen Eigenheiten liegen, dass das Stück in seiner Drastik nicht so recht zünden will. Paranoia und der Zorn auf „die da oben“ sind hierzulande schon seit Jahren parteipolitisch eingemeindet. Jerome, der Billiglohnarbeiter, der wutzerfressene Fortschrittsverlierer und Systemmedienverweigerer, würde wohl blau wählen. Und sich wohl schnell in seinen Vorurteilen über die Verkommenheit der Eliten bestätigt fühlen.

In „Furor“, das nicht zuletzt als Reaktion auf „Pegida“-Proteste und den Aufstieg der AfD gedeutet werden muss, sinnt Jerome aber auf außer- und antiparlamentarischen Widerstand. Und ein Hausbesuch des Politikers Braubach bietet ihm die Gelegenheit dazu. Braubach hat seinen Cousin Enno angefahren. Enno droht ein Leben im Rollstuhl, seiner Mutter der ökonomische Kollaps. Von Schuld wurde Braubach freigesprochen. So steht es in der Zeitung. Wiedergutmachung will er trotzdem. Auch weil die Wahl näherrückt. Und es Gerüchte über eine Alkoholfahrt gibt. Online natürlich. Mit Ennos Mutter einigt sich Braubach schnell. Alle Zusatzkosten will er künftig übernehmen. Doch dann übernimmt Jerome die Verhandlung. Jerome will mehr. Plädoyer und Strategie hat er sich zurechtgegoogelt. Er will Braubach zu Fall bringen. Braubach und das, wofür er steht. Das System. Was folgt, ist Thesen-Pingpong, die Erregungsrequisiten fliegen durch den Raum – irgendwann wird ein Messer gezückt.

Szenisch ist „Furor“ in der Inszenierung von Agnes Mair grundsolide. Nicht alle Bühnenspielereien erschließen sich zwingend. Dass es mit der einmal erzielten Einigkeit auch das Bühnenbild in alle Himmelsrichtungen zerreißt, ist nicht unbedingt subtil, aber schlüssig. Warum mit den Thesen auch das Licht von Wohlfühlwarm auf Laborkühl (oder umgekehrt) wechselt, bleibt rätselhaft. Stark, weil nie zur Karikatur überzeichnet, sind die Darsteller. Phillip Henry Brehl spielt Jerome als keifenden Verschwörungstheoretiker, der seine Mutmaßungen mit rabiaten Gesten unterstreicht. Jan-Hinnerk Arnke nimmt man den vom Hoffnungsträger zum Politprofi gewordenen Braubach ab. Der Höhepunkt allerdings ist Sara Nunius, die als traumatisierte Mutter nach Worten und klaren Gedanken sucht. Ihr bleibt es – gewissermaßen als „dea ex machina“ – auch überlassen, die Überzeugungstäter zu trennen – und ihrer Wege zu schicken. Voneinander gelernt haben sie bis dahin wenig. Sie werden wohl weitermachen wie bisher. Das ist der ernüchternde, der bedrohliche Schluss der ersten, euphorisch beklatschten Schauspielpremiere der neuen Landestheater-Spielzeit.