Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.10.2019


Theater

„Der Menschenfeind“: Unerhörte Liebesbotschaften

Molières großartige wie zeitlose Komödie „Der Menschenfeind“ feierte am Samstag Premiere am Tiroler Landestheater und führt wieder vor Augen, dass in der Liebe Aufrichtigkeit gefragt ist.

Wortreich versucht Alceste (Raphael Kübler) der jungen Witwe Célimène (Marion Fuhs) seine Liebe zu erklären, doch das „Society Girl“ erhört ihn nicht.

© Rupert LarlWortreich versucht Alceste (Raphael Kübler) der jungen Witwe Célimène (Marion Fuhs) seine Liebe zu erklären, doch das „Society Girl“ erhört ihn nicht.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Die attraktive Célimèn­e (Marion Fuhs) ist zwar schon mit 20 Witwe, aber das scheint die junge Schönheit nicht weiter zu stören. Sie genießt als „Societ­y Girl“ ihr Leben und macht sich einen Spaß daraus, ihr­e ergebenen Verehrer an der Nase herumzuführen.

Molières Komödie „Der Menschenfeind“, die bereits vor 350 Jahren in Frankreich uraufgeführt wurde, feierte am Samstag Premiere im Tiroler Landestheater. Regisseur Rudolf Frey ist es gelungen, diesem ohnehin schon zeitlosen Stück noch mehr Gegenwart einzuhauchen. So wurde der Text zwar teilweis­e gereimt vorgetragen, klang dabei aber trotzdem überaus modern und eingängig. Mühelos taucht man in das Liebesleid des tiefgründigen und ehrlichen Alceste (Raphael Kübler) ein, der nichts unversucht lässt, um die oberflächliche wie narzisstische Célimène zu einem klaren Liebesbekenntnis zu bewegen. Alcest­e will Célimène vorleben, wie eine Beziehung auf Augenhöhe funktioniert, doch sein­e Geständnisse werden von Célimène nicht ernst genommen. Ganz im Gegenteil: Sie will nur wissen, wie ihre Reize auf Männer wirken. Tiefere Gefühlslagen oder komplizierte Gespräche interessieren sie dabei nicht. Wenn Célimène Alcestes diskursive Annäherungsversuche nerven, stellt sie sich kurzerhand tot (ja, sehr lustig) oder verlässt den Raum. Zwischen den beiden entsteht damit eine schier unlösbare Asymmetrie, bei der Alceste den Kürzeren zieht: Célimène tadelt ihn und setzt unbeirrt ihre Spielchen mit ihren anderen Verehrern – Oronte (Jan Schreiber), Acaste (Philipp Rudig) und Clitandre (Tom Hospes) – fort.

Raphael Kübler (Alceste) und Marion Fuhs (Célimène) haben ihre Rollen wirklich perfekt einstudiert und liefern sich fantastische Wortgefechte, denen es nicht an Skurrilität mangelt. Zwischendurch tauchen Sätze auf, die innehalten lassen und darauf verweisen, wie zermürbend die Ungewissheit in Liebesfragen sein kann. So sagt Alecste etwa: „Wenn man liebt, dann sind Zweifel das Schlimmste.“ Ebenso wahr und zeitlos erscheint der Satz: „Mir Hoffnung zu machen, ist ein Verbrechen.“ Trotzdem setzt Célimène ihr Spiel kaltblütig fort, während Alceste eine echte Auseinandersetzung jenseits von Heuchelei und Intrigen fordert, und das nicht nur von Célimène, sondern auch von seinem Freund Philint­e (Kristoffe­r Nowak), dem er folgende Worte mit auf den Weg gibt: „Ihr weites Herz, das kein­e Unterschiede kennt, ist mir zu groß.“

Schauspielerin Marion Fuhs in ihrer Rolle als ichbezogen­e Célimène gelingt es, dies­e Flatterhaftigkeit, die dies­e charakterschwache Figur letztlich auch scheitern lässt, eindringlich darzustellen.

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Insgesamt ist die Besetzung in diesem kurzweiligen Stück sehr geglückt: All­e Schauspieler, auch Antje Weiser (Arsino­é) und Ulrike Lasta (Éliant­e), spinnen mit ansteckender Begeisterung Intrigen und verwickeln sich in verlogene Schmeicheleien. Die Konflikte werden gut dosiert, aber ohne übertriebene Emphase transportiert.

Das sich drehende Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch verweist gekonnt auf das Gefühlskarussell, in dem sich alle Protagonisten bewegen, und die bröckelnden Fassaden passen ebenso gut ins Gesamtbild wie die schönen Kostüme, die einen Hauch von Haute Couture verbreiten und die Oberflächlichkeit der Figuren einmal mehr unterstreichen. Kostümbildnerin Elke Gattinger verweist mit ihren ausladenden Roben außerdem auf den barocken Ursprung des Stücks, ohne dabei die zeitgenössische Mode zu kurz kommen zu lassen. So sind alle Schauspieler von Kopf bis Fuß (tolle Schuhe!) perfekt eingekleidet.

Dieses Stück vermittelt aber keineswegs nur Ästhetisches, sondern vor allem ernste Botschaften, nämlich wie zerstörerisch ein leichtfertiger Umgang mit den Gefühlen anderer sein kann und wie wichtig ehrliche Bekenntniss­e im Leben sein sollten, auch wenn es lustvoller ist, wie ein Schmetterling durchs Leben zu flattern. Nur könnte der Fall eintreten, dass man am Ende ganz allein dasteht.