Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.11.2019


Bühne

„The Tempest“ am Landestheater: Des Meeres und der Liebe Wellen

In einer bilderstarken Produktion voll getanztem Kulturmix und übermächtigen Naturgewalten zeigt Enrique Gasa Valga mit Team seine Version von Shakespeares „The Tempest“.

Caliban, das Böse, als Naturwesen zwischen Mann und Frau (Pilar Fernández und Gabriel Marseglia).

© Rupert LarlCaliban, das Böse, als Naturwesen zwischen Mann und Frau (Pilar Fernández und Gabriel Marseglia).



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Prospero, Herzog von Mailand, wird mit seiner kleinen Tochter Miranda in einem Boot ausgesetzt, vertrieben von seinem Bruder Antonio und Alonso, König von Neapel. Der getreue Gonzalo gab jedoch seinem Herrn Nahrung und die geliebten Bücher mit. Prospero strandet auf einer Insel und wird zu einem Magier, der sich die Geister der Luft und der Erde untertan macht. So dienen ihm der Luftgeist Ariel und der ungezähmte Caliban. Jahre später entfacht Prospero einen gewaltigen Sturm. Auf seiner Insel stranden Antonio, Alonso mit seinem finsteren Bruder Sebastian und dem edlen Sohn Ferdinand, Gonzalo und vom Hofgesinde der Spaßmacher und der Kellermeister.

Shakespeares „Sturm“. Letztes Werk, reife Bilanz eines Dichters, der wie Prospero zum Magier wurde, neues Menschendenken erfand und über bitterer Erkenntnis und fragiler Hoffnung seine Utopie einer anderen Welt in einem verrätselten Epilog aufgehen – oder untergehen – ließ. Auch Enrique Gasa Valga, der am Samstag seine Choreographie von „The Tempest“ präsentierte, scheint sich Prospero und damit Shakespeare nah zu fühlen, wie er sich selbst im Programmheft zitiert: „In zwei Stunden erschaffe ich euch Himmel und Erde, und ihr springt hinein und müsst meine Welt erleben.“

Gasa Valga übernimmt Shakespeares Personen und Handlungselemente des „Sturm“, fordert aber auch das Recht des Gestaltenden auf die eigene Sicht ein. Er hat Kuba mit seinem Kulturmix erlebt.

Prospero (Marco Marangio) wird auch auf seiner Insel von den politischen Feinden attackiert und wehrt sie ab.
Prospero (Marco Marangio) wird auch auf seiner Insel von den politischen Feinden attackiert und wehrt sie ab.
- Rupert Larl

Die Seeleute treffen auf die eingeborene Bevölkerung, auf Naturwesen und Tiere, auf afrokubanische und kreolische Kultur und fügen ihr Eigenes hinzu, springend, hüpfend und drehend, gipfelnd im Hochzeitstanz des europäischen Paares. Aus Ariel macht Gasa-Valga eine Santería-Priesterin, die Prospero gerne in den rostigen Schiffsrumpf folgt, sich ihm aber immer wieder entzieht. Oumy Cissé tanzt sie geschmeidig, dennoch ist der Luftgeist als Symbol der Seele und Intelligenz an die Priesterin verraten, für die Gasa Valga nicht wirklich bestechende Einfälle hat. So ist auch die Soloszene Ariels vor Percussionstropfen verschenkt. Auch die Naturwesen, deren Bewegungsriten ein wenig an Choreographien von Carlos Acosta erinnern, gehen in ihrer Wirkung nicht ganz auf. Großartig und überzeugender allerdings die Idee, Caliban mit dem grandiosen Paar Pilar Fernández und Gabriel Marseglia als doppelgeschlechtliches Wesen darzustellen.

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Bestechende tänzerische Szenen, in denen Gasa Valga kenntlich ist, gibt es von den Europäern. In einem bezaubernden Pas de deux, der raffiniert durch Prospero zum Pas de trois erweitert wird, findet sich allmählich das junge Paar, Miranda / Lara Brandi und Ferdinand / Mitsuru Ito. Alonso (Mingfu Guo), Sebastian (Carlos Campo Vecino), Antonio (Nicola Strada) und erstaunlicherweise auch Gonzalo (Mikael Champs) liefern sich mit Prospero, der zunächst zu vermitteln versucht, einen dynamischen Machtkampf, Federico Moiana und Martin Seget’a verkörpern das komische Paar. Eindrucksvoll gelingt auch der (in vielen Kulturen rituell übliche) Tanz mit Tüchern in gemischter Ethnologie, dessen Tänzer in großen, fließenden Bewegungen Linien und Kreise formen. Bis auf Prospero und Ariel sind alle Ersten Solisten auch im Corps de ballet eingesetzt, dem auch noch Deia Cabalé, Camilla Danesi, Sayumi Nishii, Paula Tarragüel Aguilar, Brígida Pereira Neves und Alice White angehören.

Die Tänzer und Tänzerinnen sind technisch fabelhaft (ausgenommen die kurze Szene auf Spitze) und im Rahmen der Choreographie ausdrucksstark. Entscheidend lebt die Produktion von ihrer Bildmächtigkeit. Helfried Lauckner stellte das Fragment eines Schiffswracks an ein Ufer, das über eine Sanddüne erreicht wird. Birgit Edelbauer-Heiss sorgte dafür, dass die Personen über die Kostüme kenntlich bleiben, Florian Weiss­leitner schafft durch seine Lichtregie bestechende Stimmungen und gibt Ariel durch weiße Lichtströme sogar die Idee des poetischen Luftgeistes zurück. Mächtig wirken die Videos von Albert Serradó und Marco Chiodi. Da schäumt das Meer heftig auf, beruhigt sich nach Regen, Sturm und Gewitter, wechselt die Richtung, das Liebespaar im Rhythmus der Wellen wird wie die ganze Szene von Liebe und Meer überschwemmt. Gasa Valga folgt in den Bewegungen dem Wiegen der Baumwipfel im Wind, der Zuschauer streift mit den Personen auf der Bühne durch die Wälder – Tanz der Natur und Bestimmung allen Lebens.

Der Herzog von Mailand hat in Marco Marangio einen brillanten Tänzer und charaktervollen Darsteller. Prospero, Shakespeare – und Gasa Valga.