Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.11.2019


Bühne

„Don Karlos“ in Wien: Drohnen über dem Thron

Die Wiener Premiere von Martin Kušejs gewaltigem „Don Karlos“ preist Friedrich Schillers sezierenden Blick auf vielgestaltige Machtsysteme.

Philipp II. im Panikraum: Thomas Loibl begeistert als Monarch im Ausnahmezustand in einer höchst präzisen Herangehensweise an Schillers Drama „Don Karlos“.

© HornPhilipp II. im Panikraum: Thomas Loibl begeistert als Monarch im Ausnahmezustand in einer höchst präzisen Herangehensweise an Schillers Drama „Don Karlos“.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Spärliche, extrem fokussierte Scheinwerfer-Strahlen, zu Beginn zwei blinkende Drohnen, ein rechteckiger Kronleuchter Marke Bonner Regierungsprunk: Viel mehr Licht gesteht Martin Kušej seiner, nach der Premiere vom Mai 2018 in München nun für das Burgtheater adaptierten, Interpretation von Friedrich Schillers „Don Karlos“ nicht zu.

Am Hof zu Madrid, in der Sommerresidenz Aranjuez, wo sich die „schönen Tage“ verbringen ließen, herrscht dunkle Finsternis. So Helligkeit stattfindet, spießt sie die beleuchteten Darsteller-Körper wie Insekten auf, dann setzen sich Gesichter und Hände grell ab und lassen die Figuren wie Marionetten wirken (Licht: Tobias Löffler).

„Farbig“, nämlich klinisch blau, ist das wie ein überdimensioniertes Tonstudio mit eierkartonartigem Schaumstoff verkleidete Zimmer: ein Panikraum, eine Gummizelle, ein abhörsicherer Verschwörer-Treffpunkt und nicht zuletzt ein unheimliches Bühnenelement, das Annette Murschetz da auf der Drehbühne errichtet hat.

Viereinhalb Stunden (samt Pause) nimmt sich Regisseur Kušej Zeit, Schillers 1787 uraufgeführtes „Dramatisches Gedicht“, die Geschichte einer freudlosen Vater-Sohn-Beziehung, von politischer Verschwörung und alles durchdringendem Machtstreben, neu zu erzählen – und dabei beeindruckend ehrfürchtig der Kraft des Dichters zu vertrauen. Vermittelt wird diese zeitweilig durchaus sperrige Analyse von einem atemberaubenden Ensemble, das dieses Intrigenspiel aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts ins Heute holt.

Thomas Loibl, Filmfans als Gerald, Boss des Bukarester New-Economy-Unternehmens in Maren Ades „Toni Erdmann“, bekannt, beeindruckt als Philipp II. Loibl formt den alternden Monarchen als Getriebenen, dessen Lust an allumfassender Herrschaft zunehmend von Verpflichtung, Last und vor allem Furchtsamkeit begleitet ist.

Sein Sohn hat die (tödlichen) Konsequenzen zu tragen: Nils Strunk ist ein jugendlicher, glaubhaft eitler wie naiver Don Karlos, zu treuherzig, um das Spiel des machthungrigen Herzogs von Alba (Marcel Heuperman) oder die Strategien der enttäuschten Eboli (Katharina Lorenz) zu verstehen.

Franz Pätzold, der derzeit auch in Ulrich Rasches Inszenierung von „Die Bacchen“ begeistert, siedelt seinen Marquis von Posa unfassbar souverän an zwischen idealistischer Vision – Stichwort „Gedankenfreiheit“ – und Resignation angesichts politischer Realitäten.

Abgeklärt, trotz ihres jungen Alters sich stets der Unausweichlichkeit der gesellschaftlichen Rolle bewusst, stellt Marie-Luise Stockinger ihre „Elisabeth von Valois“ vor, Philipps Gattin und ehemals Karlos’ Verlobte.

In unzählige, durch Schwarzblenden getrennte Teilchen hat Kušej Schillers Drama zerlegt. Unkommentiert erzeugen jene dazwischen gestreuten Bilder, in denen halbnackte Menschen, von Schächern in schwarzen Kapuzenpullovern in ein Wasserbecken gestoßen, Assoziationen von Inquisition bis Srebrenica.

Und wie reagierte das Premierenpublikum an diesem letzten Tag des Monats Oktober, das das Schiller-Dunkel einer bunten Halloween-Sause vorzog? In der Pause scheinen einige das Weite gesucht zu haben. Wer bis zum Ende dieses wunderbar beinharten Abends geblieben war, belohnte Ensemble und das vom Hausherrn Martin Kušej angeführte Leitungsteam mit aufrichtiger Zustimmung.