Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.11.2019


Bühne

Der Style glänzt – und es geht an die Substanz

Sara Berthiaumes abgründige Arbeitsweltabrechnung „Nyotaimori“ kam am Sonntagabend im K2 zu ihrer österreichischen Erstaufführung.

Gefangen im schönen Schein der schönen neuen Welt: Marion Fuhs, Ulrike Lasta und Stefan Riedl in „Nyotaimori“.

© TLT/LarlGefangen im schönen Schein der schönen neuen Welt: Marion Fuhs, Ulrike Lasta und Stefan Riedl in „Nyotaimori“.



Innsbruck – Fabriken werden „outgesourced“ und Fabrikruinen öffnen sich der Kreativwirtschaft im Industrie-Look. Es werden Phrasen gedroschen, weil gute Geschichten erhöhen den Marktwert. Vor allem wenn sie einigermaßen energisch erzählt werden. Die notwendige Energie dafür, es gilt die Regel „work hard, party harder“, stammt aus der Dose. Und verleiht Flügel. Bis zum nächsten Absturz jedenfalls.

An einem solchen Fließband mehr oder weniger zynischer Marketingmärchen beginnt Sara Berthiames Stück „Nyotaimori“, das am Sonntagabend im K2 des Tiroler Landestheaters zu seiner österreichischen Erstaufführung kam. Ein „Kreativer“ präsentiert einer Journalistin schöne Stehsätze. Sie bastelt an einem Dossier über moderne Arbeitswelten. Er an der Kampagne für einen (Billig-)BH, der Empowerment verspricht. Beide reden aneinander vorbei. Überhaupt wird viel aneinander vorbeigeredet in „Nyotaimori“. Reden ist hier Pose, (Selbst-)Behauptungsversuch, Ablenkungsmanöver. Es gilt den schönen Schein zu wahren. Den schönen Schein der schönen neuen Arbeitswelt: die doppelt durchoptimierte Work-Life-Balance sozusagen, Erfolg im Job, Glück daheim. Dass die Accountmanagerin, die sich irgendwann dazwischenschaltet, bei der Frage nach Kindern mit den Tränen ringt, muss keiner wissen. Dass die Journalistin als Freiberuflerin nicht etwa frei, sondern vornehmlich frei und allzeit verfügbar ist – und dem Kollaps entgegentaumelt –, soll keiner wissen. Und dass der Empower-BH von modernen Sklavinnen in Indien zusammengenäht wird, sowieso nicht. Dahin spannt Berthiaume ihre Erzählung. Und nach Japan, wo männliche Weltwichtigtuerei im Privileg gipfelt, Sushi von nackten Frauenkörpern zu naschen – das titelgebende Nyotaimori. Und ein Autostreichler am echten Fließband jene Karren auf Fehlstellen befummelt, die später in Autohäusern in Übersee erobert werden wollen. Auch dorthin, wo ein Abgehängter zur allgemeinen Bespaßung seit Stunden einen Pkw busselt – „Kiss a Yaris“ –, führt „Nyotaimori“. In der globalisierten Welt ist alles irgendwie mit allem verbunden. Und alle geben vor, ganz bei sich zu sein. Und sind doch verloren gegangen. Entfremdung eben. Aber der Druck, der selbst gezimmerte genauso wie der, der von außen kommt, sucht und findet ein Ventil. Heimliche Tränen sind nur der Anfang, Zwangs- und Übersprungshandlungen folgen genauso wie performatives Prokrastinieren, Zorn, Gewalt.

Trotz des schweren Themas – das auch für Nicht-Workaholics einigen Wiedererkennungsschrecken bereithält – ist „Nyotaimori“ ungemein komisch. Auch weil es auf angestrengte Belehrung verzichtet. Susanne Schmelcher, seit 2013 regelmäßiger und mittlerweile Nestroy-bepreister Regie-Gast am Landestheater, inszeniert das Stück als Arbeitsweltabrechnung in strahlendem Weiß mit neongelben Einsprengseln. Kühle Clubästhetik als Spielplatz für durchgestylte Selbstvermarkter (Bühne und Kostüme: Marion Hauer). Bisweilen verschwindet das menschliche Drama im offensiv zeitgeistigen Dekor. Aber das tolle Ensemble holt es zurück: Marion Fuhs als Journalistin, Ulrike Lasta und Stefan Riedl in gleich mehreren Rollen trumpfen mit feinen Studien zwischen übersteuertem Slapstick und echter Verzweiflung auf. Hier glänzt der Style. Und trotzdem geht es jederzeit an die Substanz. (jole)