Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.12.2019


Bühne

„Il trittico“ am Tiroler Landestheater: Welt voll Schmerz und Arglist

Giacomo Puccinis musikdramatisches Welttheater „Il trittico“ („Das Triptychon“) erstmals geschlossen in einer großartigen Produktion am Tiroler Landestheater.

„Wie schön ist die Liebe unter Verwandten“: Habgierig stürzen sich die Hinterbliebenen des verblichenen Buoso Donati auf das Testament des reichen Florentiners.

© Rupert Larl„Wie schön ist die Liebe unter Verwandten“: Habgierig stürzen sich die Hinterbliebenen des verblichenen Buoso Donati auf das Testament des reichen Florentiners.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Il tabarro“ (Der Mantel), „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) und „Gianni Schicchi“ bilden Giacomo Puccinis Trittico, das freilich häufig nur in seinen Einzelteilen zu sehen ist. In den letzten Jahren wurden Freunde des Gesamtwerks u. a. in Wien, London und München fündig. Seit Samstag hat das Tiroler Landestheater eine in jeder Hinsicht erlebenswerte Produktion.

Carlos Wagner (Regie) und Christophe Ouvrard (Bühne) nehmen das Triptychon nicht nur in den drei Einaktern ernst, sondern auch in seiner bildnerischen Bedeutung eines dreiteiligen Gemäldes. Innerhalb von Art-nouveau-Dekor – es ist Puccinis Zeit – dient die Bühne als Mitteltafel, ein glitzerndes Wasserband als Sockel, die schmalen Seitenflügel zitieren Unterwasserbilder aus den kunstvollen „Mantel“-Videos. Wasser ist ein verbindendes Thema, Giorgett­a lebt auf einem Frachtkahn, Angelic­a in einem hart geführten Kloster, in dem Sonnenlicht im Brunnen zum Ereignis wird, und die süße Schicchi-Tochter Lauretta droht, ohne ihren Rinuccio in den Arno zu springen. Söhne spielen eine Rolle, gestorbene, die ihre Mütter aus der Bahn werfen, und ein munterer, der eine Farce anstößt. Sehnsucht wird überlebensgroß, nach Liebe und Heimat, gelebter Mutterschaft und nach Geld.

„Il tabarro“ führt in schwarzen Bildern in ein unausweichliches Eifersuchtsdrama, Micheles Schlepper als bodenloser Ort aus Armut, Schweiß, Ausweglosigkeit, Begehren und Hass zum Mord. „Alles ist erkämpft, alles wird uns genommen“, sagt Giorgettas Liebhaber Luigi und behält Recht. Im Hintergrund schwanken Segelmasten, werden zu Kreuzen, die mit aller Hoffnungslosigkeit in den nächsten Schauplatz führen, das Kloster. Das Weiß hoher Mauern birgt Unterdrückung und Angst. Der harte Realismus des eröffnenden Einakters mündet hier in ein Mysterienspiel, das Wagner und Ouvrard beherrscht handhaben. Sie verzichten auf die Marienerscheinung, aber Angelica sehnt sich ihren Sohn herbei und züchtet mit ihm die Erlösung bringenden todtragenden Pflanzen. „Suor Angelica“ zeigt die intensiven Emotionen einer jungen, verzweifelten Frau, berührt innig und bleibt kitschfrei.

Wagners fabelhafte Personenführung ist präzise, verständlich bis ins Mitschwingende, Doppelbödige, und wird von allen Darstellern eindringlich umgesetzt. „Giann­i Schicchi“ gelingt voll Witz und Sarkasmus, Carlos Wagner hat das geniale komödiantische Kammerspiel um Erbschleicherei musiknah durchchoreographiert. Seine ironischen Jugendstilkostüme kommentieren zusätzlich. Von dem Klosterbild übernahm Ouvrard den Raum, in dem sich die feine Gesellschaft miserabel aufführt, ergänzt von verlockender Aussicht auf Florenz. So gelang dem Szene-Team mit optischer wie motivischer Geschlossenheit und nicht zuletzt durch die Verschiedenheit im erdigen, spirituellen und verlogenen Charakter der drei Einakter, was Puccini meinte: musikdramatisches Welttheater.

Die tiefere Wirkung der Oper liegt in Puccinis Facettenreichtum, seiner – der Reihe nach – melodischen Expansion, sensiblen Harmonik und kunstvollen Pointe. Die Stücke sind durchkomponiert, nur wenige, dafür berühmt gewordene Arien (Angelicas „Senza Mamma“, Laurettas „O mio babbino caro“) ragen heraus. Lukas Beikircher am Pult des gebefreudigen, farbbewussten, präzisen Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck ermöglicht mit guten Tempi das Rauschhafte ebenso wie das Subtile und Spöttische, zu laut nur für die lyrischen Schönheiten des Liebespaares Tatiana Rasa und Nico Darmanin als Lauretta und Rinuccio.

Daniel Luis de Vicente bestach mit seinem (Falstaff-nahen) Bariton als kraftvoller, gleichermaßen zu Liebe und Hass fähiger Michele und ebenso als gewitzter Gianni Schicchi, den er lustvoll spielt, aber nicht überzieht. Im „Mantel“ fand bei der Premiere Anna-Maria Kalesidis als Giorgetta erst spät zu ihrer Form, mit prachtvollem Spinto-Tenor begeisterte Alejandro Roy als ihr Geliebter Luigi. Barno Ismatullaeva überstrahlte als Angelica den Klosterakt mit herrlichem Sopran, stilistischer Puccini-Vertrautheit und überzeugender Ausdrucksfähigkeit. Imposant als Principessa wie als Zita Anna Maria Dur. In der Fülle der weiteren Mitwirkenden trug jede(r) Einzelne nicht weniger zu diesem reichen Opernabend bei.