Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.11.2019


Bühne

Burgtheaterdichtersgattin sein, das muss schon sein

Ein starker Soloauftritt von Eleonore Bürcher in Mario Schlembachs „Dichtersgattin“ im Innsbrucker Kellertheater.

Hedwig (Eleonore Bürcher) hat für ihren Gemahl Hubert (angedeutet durch das Beinpaar rechts) nur Schimpf und Schande übrig.

© KellertHedwig (Eleonore Bürcher) hat für ihren Gemahl Hubert (angedeutet durch das Beinpaar rechts) nur Schimpf und Schande übrig.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Sie schürzt die Lippen. Sie keppelt und nörgelt, sie lamentiert und provoziert. Frust, über Jahrzehnte aufgestaut, entlädt sich in Beleidigung und Respektlosigkeit. Kurzum: Hedwig, eine in die Jahre gekommene Dame der feinen Wiener Gesellschaft, gebärdet sich als Landplage. Kein Wunder, dass ihr Gespons Hubert auf Durchzug schaltet und zum Schweiger mutiert, ein Abwehrmechanismus, bestens erprobt. Im Österreich-Pavillon der Kunst­biennale von Venedig ist der alte Mann in einem Eck zusammengesackt. Mutmaßlich. Denn die Betrachter erspähen nur sein­e Beine. Hedwig meint, der nutzlose Gemahl würde sich ein Päuschen gönnen. Irgendwie stimmt das ja auch. Doch Huberts Auszeit ist finaler Art: Er atmet nicht mehr.

So gestaltet sich das Grund- szenario von „Dichters­gattin“. Diesen Debütroman des Niederösterreichers Mari­o Schlembach (Jg. 1985) hat ein kleines Team für das Inns­brucker Kellertheater erarbeitet. Der Autor selbst und Hausregisseur Manfred Schild legten mit Hand und Hirn an. Am Mittwochabend wurde das Stück uraufgeführt.

Auf der Bühne gibt es ein packendes Wiedersehen mit Eleonore Bürcher, einer Grande Dame der Innsbrucker Theaterszene. Mehr als 30 Jahre lang war sie Ensemble­mitglied am Landestheater.

Als Hedwig schultert Bürcher das ganze Stück monologisierend im Alleingang. Es ist die Abrechnung mit den Enttäuschungen eines Lebens, ausgebreitet auf 90 mitreißende Minuten, eine Suada im Stile Thomas Bernhards, böse, mitunter komisch. Ein­e geifernde Dauersalve, unterbrochen nur von sanfteren Momenten, in denen Hedwig sich in jenes Leben hineinträumt, das ihr verwehrt blieb. Zur Muse vom Schlage einer Alma Mahler-Werfel fühlte sie sich berufen.

Doch Hubert konnte ihr nichts bieten, dieser „Primat“, den Hedwig einst vom Land geradewegs ins Burgtheater transferiert hatte, in diesen Musentempel par excellence. „Burgtheaterdichtersgattin wollte ich sein“, bläut sie dem Gatten noch ein, als der sie längst nicht mehr hören kann. Denn ein Titel, und leitet er sich auch nur vom Ehemann ab, ist in Österreich alles.

Jammerlappen Hubert hat kein einziges Werk hoher Kultur vorzuweisen, kein Theater­stück, nicht einmal ein dünnes Gedichtbändchen. Stattdessen begnügte er sich mit einer Laufbahn als städtischer Beamter, zuständig für das Bestattungswesen. Und überhaupt: Wie der Kerl heute wieder aussieht, mit der immer gleichen grauen Hose, dem Erkennungszeichen eines absolut Glamour-freien Lebens. Spott und Hohn triefen ohne Unterlass.

Eleonore Bürcher ist als abgrundtief verbittertes, letztlich an sich selbst verzweifeltes Weibsstück Hedwig großartig. Daran ändern auch ein paar Texthänger am ersten Abend rein gar nichts.

Prädikat: Sehenswert!