Letztes Update am Sa, 02.02.2013 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bühne

In der Schattenwelt einen draufmachen

Elfriede Jelineks Antiken-Paraphrase „Schatten (Eurydike sagt)“ gelangte in Wien zur Theater-Uraufführung.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Rauchkanone, einen Vorschlaghammer im Dienste Sigmund Freuds, Live-Kamera, einen Streifzug durchs Popschnulzenrepertoire, eine Jelinek-Klappmaulpuppe und nicht zuletzt sieben Eurydike-Darstellerinnen bringt Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann in Stellung, um seine erste Bühnenarbeit mit einem Text von Elfriede Jelinek zu bewältigen. Nach der Premiere vom Donnerstag scheint das Unterfangen, wenn man den anhaltenden Applaus des Akademietheaterpublikums als Gradmesser heranzieht, durchaus gelungen. Einziges Problem: Das Feuerwerk, das Hartmann da auf der Bühne zündete, hat wenig mit dem zu tun, was „Schatten (Eurydike sagt)“ zugrunde liegt. Vielmehr werden die genüsslichen Spitzen wie tieftraurigen Abgründe dieser sprachlich und inhaltlich ebenso wunderschönen wie radikalen Abhandlung zu weiblichem Sein, Schreiben, Lieben nur auf der Ebene der (bei Jelinek natürlich vorhandenen) Kalauer verhandelt.

Hartmann und seine Dramaturgin Amely Joana Haag haben sich zu Strichen entschieden, die dem im vergangenen Sommer in Essen mit Johanna Wokalek als Sprecherin uraufgeführten Text die erwähnte Marschrichtung vorgeben. Verschenkt sind da die tieferen Ebenen von lustvollen wie schmerzhaften Wahrheiten der Nobelpreisträgerin, wenn sie ihre Eurydike das Ausrinnen – der Tinte aus der Feder oder von Körperflüssigkeiten – als Befreiung und Bedrohung zugleich beklagen lässt. Diese Eurydike befindet sich in einem Prozess, an dessen Ende die Erkenntnis leuchtet, das Schattenreich, in das sie gezwungen wurde, könnte verheißungsvoller und freier sein als die irdische Existenz an der Seite eines Mannes. In einem Interview spitzte Jelinek einmal ihre eigene weibliche „Zwangslage“ zu, in dem sie meinte: „Ich mag Männer nicht, aber ich bin sexuell auf sie angewiesen.“ Es ist dies einer der Denk-Mosaiksteine in Jelineks Monolog der weiblichen Ausgeliefertheit, wo sich zwischen der Unterwerfung unter männlich dominierte und selbst auferlegte Rollenbilder oft genug die Entwicklung einer eigenen, weiblichen Persönlichkeit verliert.

Aber, wie erwähnt: Let‘s Party! Mittelpunkt und Subjekt der Begierde im angesagten ausgelassenen Bühnen-Tun ist Orpheus (Lukas Gregorowicz), ein Glitzerkasper, der zwar nicht viel zu sagen hat, an dessen Lippen (die von Falco bis Lionel Richie „alles drauf“ haben) aber die sieben weiblichen Objekte kreischend hängen (müssen, wollen oder sollen?).

Elisabeth Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Yohanna Schwertfeger sind das in diverse schwarze Tüll-Teile (Kostüme: Tina Kloempken) gehüllte Eurydiken-Septett, jede Schauspielerin exzellent nach ihrem Talent eingesetzt und sehr präzise. Ihr Tanz um den „Softeisballaden“ schmetternden Orpheus wird kommentiert von einer vom brillanten Puppenspieler Nikolaus Habjan geführten und gesprochenen Elfriede-Jelinek-Puppe, die manches „jetzt selbst nicht versteht“. Was angesichts dieses „Jelinek für Eilige“-Abends nicht weiter verwundern würde.




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