Letztes Update am So, 08.12.2013 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bühne

Und jedes Molekül bewegt sich

Für den Tanzabend „Hautnah“ hat Enrique Gasa Valga zwei seiner Lieblingschoreographen nach Innsbruck geholt.



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Rätselhaftes Stimmengewirr schwirrt durch die schnörkellose Parallelwelt, die Andrea Kuprian in den Kammerspielen aufgebaut hat. Nur ein kunterbunter Streifen aus Wiesenblumen bringt Farbe in das schwarz-weiße Szenario, das einem Traum entsprungen sein könnte – einem Albtraum, wie es zu Beginn von Ángel Rodríguez’ Choreographie „Last Words“ scheint. Der schrille Klang einer Messerklinge geht einem durch Mark und Bein. Das Bild der schwarz gewandeten Tänzerin, die der unsichtbaren Messerattacke akrobatisch ausweicht, geht einem lange nicht mehr aus dem Kopf. Choreograph Rodríguez weiß um die Macht starker Bilder – das hat der Spanier zuletzt 2012 am Landestheater bewiesen, als er mit der Uraufführung seines Tanzstücks „Das brennende Dorf“ für Furore und auch für Gänsehaut sorgte.

Für den Tanzabend „Hautnah“, der am Samstag in den Kammerspielen Premiere hatte, holte Tanzcompany-Chef Enrique Gasa Valga seinen Landsmann nun erneut nach Tirol – und tat gut daran. Eingebettet in eine musikalische Collage, die nicht nur auf Schuberts bewegendes Streichquartett Nr. 14 setzt, sondern auch Dan Romers und Ben Zeitlins archaische Kompositionen des oscarnominierten Dramas „Beasts of the Southern Wild“ enthält, lässt Rodríguez eine märchenhafte Geschichte entstehen, die mit der Liebe spielt und – buchstäblich – mit der Zeit geht. Am Ende von „Last Words“ gibt ein riesiges Pendel den Takt des Lebens vor, Kuprians geradliniges und wandelbares Bühnenbild ist in gleißendes Weiß getunkt, es regnet Buchstaben, die in den Armen der Körperkünstler landen. Die haben zuvor eindrucksvoll demonstriert, dass die Tanzsparte am Landestheater zu Recht ein Publikumsmagnet ist – ausdrucksstark, dynamisch, zeitgenössisch und mitreißend zeigt sich das Innsbrucker Ensemble, das auch aus einem „Sesseltanz“ ein künstlerisches Erlebnis macht.

Beim zweiten Teil des „Hautnah“-Abends hat der Koreaner Chang Ho Shin die Choreographie-Fäden in der Hand. Auch er ist kein Unbekannter in Innsbruck – im Vorjahr war der Leiter der LDP Company in Seoul an Bord der „Kaleidoskop“-Mannschaft und begeisterte mit seinem Stück „No Comment“, das vor entfesselter Energie nur so strotzte. In seiner aktuellen Choreographie „Platform“, die in Innsbruck ihre österreichische Erstaufführung feierte, setzt Shin auf die mitreißende Klanggewalt des Balkan-Pop und auf die Macht der Begegnung. Die Bühne wird zum imaginären Bahnsteig umfunktioniert, auf dem sich die unterschiedlichsten Charaktere treffen, anrempeln und teils sogar nachäffen. Auch das Publikum wird Teil der dynamischen Geschichte, die Herz, Humor und Hirn beweist – wer also nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit der kichernden Tanzcompany gehen will, sollte die erste Reihe tunlichst meiden. Shins rhythmisch-rasantes Stück, bei dem das fabelhaft aufeinander eingespielte Ensemble zur Höchstleistung aufläuft, geht in die Beine und unter die Haut. Passt doch perfekt zum Motto des Abends ...

Nächste Vorstellung: 13. Dezember (Kammerspiele)




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