Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 28.01.2014


Bühne

Musikalischer Zauber gegen szenische Kühle

Krassimira Stoyanova begeistert als Rusalka an der Wiener Staatsoper in der eher trostlosen Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf.

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© APA



Von Stefan Musil

Wien – Lang ist es her, mehr als 20 Jahre, dass Antonín Dvorˇáks „Rusalka“ die Bühne der Wiener Staatsoper das letzte Mal betreten hat. Dabei hat es schon bis zur Erstaufführung am großen Wiener Haus lange gedauert. Erst 1987 kam diese damals laut bejubelte Erstbegegnung zu Stande. Umso schöner, dass man jetzt endlich wieder das musikalisch so herrliche Stück hören kann. Dvorˇáks Oper wurde 1901 in Prag uraufgeführt und hat gerade in den letzten Jahren mit ihrem märchenhaften, mit viel psychologischem Deutungspotenzial gesegneten Stoff einige interessante Interpretationen erlebt. Martin Kusej nahm sich das Werk vor Kurzem in München vor, Stefan Herheim in Brüssel, Jossi Wielers und Sergio Morabitos Regie begeisterte 2008 in Salzburg und Robert Carsen besorgte vor einigen Jahren eine traumdeutungsverspielte Produktion mit Happy End in Paris.

Wien setzt auf Sven-Eric Bechtolf. Wieder einmal. Es ist bereits sein neunter Staatsopernstreich seit 2006. Er liefert diesmal zumindest solides Theater ab. Große Nachhaltigkeit atmet der Wurf dennoch keine. Bechtolf möchte weder tief in die traumdeuterische Freud-Kiste greifen noch anderweitig aktualisieren oder groß interpretieren. Kein Inzestfall Josef Fritzl wie bei Kusej in München, kein junges Nixlein im Puff wie damals in Salzburg. In heutigen Märchenbildern soll bei Bechtolf die Geschichte der sich nach unerfüllbarer sexueller Erfüllung sehnenden Nixe vor den Zuschauern vorüberziehen. Immerhin beweist Bechtolf seine Fähigkeit zu sehr solider Personenführung. Die passiert in der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg. Er hat wieder ein paar langweilig nüchterne Mäuerchen aufgestellt, ins Geschmäcklerische tendierende Kostüme entworfen. Das verdirbt dem Märchen dann doch eher die Stimmung.

Die Familie des Wassermanns haust im kalten Hinterhof eines Plattenbaus, wo ein paar eisbedeckte Stämme in die Höhe ragen. Hier tummeln sich die drei Nixen-Schwestern, die mit Valentina Nafornita, Lena Belkina und Ilseyar Khayrullova ausgezeichnet besetzt sind.

Die sich nach dem Prinzen verzehrende Rusalka quält sich wie ein armes Polio-Opfer, unfähig ihre Beine ordentlich zu bewegen, auf die verschneite Bühne. Krassimira Stoyanova muss hier Körpereinsatz zeigen. Das hindert sie zum Glück nicht daran, dem Abend das große Glanzlicht aufzusetzen. Mit ihrem melancholisch leuchtenden Sopran gelingt ihr die zutiefst berührende Durchdringung dieser Partie, eine stimmlich feinst abschattierte und aktuell wohl konkurrenzlose Interpretation. Erst die Hexe, gut bei Janina Baechle aufgehoben, befreit sie von ihrer Gehbehinderung, damit sie stumm aber menschlich geworden ihrem Prinzen entgegentreten kann. Einen Hauch inzestuöses Geplänkel lässt sich Bechtolf dann doch nicht entgehen, wenn Vater Wassermann, den Günther Groissböck mit geschmeidig feinem Bass gibt, seiner Tochter zum Abschied die Lippen auf den Mund presst.

Als ihr Prinz wagt sich der lyrische Michael Schade diesmal in ungewohnt dramatisches Terrain. Dennoch bewältigt er die Partie mit seinem hellen Tenor gut, vor allem auch in den heiklen Höhen zum Schluss. Hier findet Bechtolf ein letztes zweifelhaftes Bild. Nach ihrem todbringenden Kuss kreist Rusalka mit langer Weißhaarperücke um den Prinzen und wickelt ihn mit schwarzem Stoff an einen der vereisten Stämme. Überzeugend strahlt es dagegen aus dem Graben. Jirˇí Beˇlohlávek sorgt für herzhaft satten, farbenprächtigen und dramatischen Orchesterklang, lässt aber auch die zarten Momente wunderbar zu ihrem Recht kommen. Dank der weiteren ausgezeichnet besetzen Partien findet somit das Märchen zumindest musikalisch erstklassig statt. Großer Jubel für Sänger und Dirigenten, gemischte Reaktionen auf die Inszenierung.