Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.06.2014


Zillertaler Kulturfestival

„Es gibt auch untalentierte Profis“

Im Zillertal geht’s rund: Das Kulturfestival „stummer schrei“ will packende Geschichten erzählen. Und Arschbomben prämieren.

„Der Bockerer“ (Premiere: 21. Juni) ist das Herzstück von „stummer schrei“. Regie führt Thomas Gassner, der hier theatralisch am Boden liegt.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Haun</span>

© manfred haun„Der Bockerer“ (Premiere: 21. Juni) ist das Herzstück von „stummer schrei“. Regie führt Thomas Gassner, der hier theatralisch am Boden liegt.Foto: Haun



Stumm – Ein ruppiger Metzgermeister, der am liebsten mit seinen Freunden Tarock spielt und noch lieber gegen Obrigkeiten wettert, lässt sich nicht von der NS-Ideologie verformen, sondern bleibt sich treu. Seinem jüdischen Kartenkumpanen Dr. Rosenblatt auch. Als „Der Bockerer“ hat Karl Merkatz anno 1981 Filmgeschichte geschrieben, die Bühnenfassung der tragikomischen Posse feierte aber schon 1948 Premiere. Und dient nun auch als Grundlage für das Herzstück des Zillertaler Kulturfestivals „stummer schrei“, das seit Februar 2013 unter der künstlerischen Leitung von Thomas Gassner steht. Der schwärmt wenige Tage vor der Premiere des Volksstücks (21. Juni) von seinem knapp 20-köpfigen Laien-Ensemble, das mit „unglaublicher Leidenschaft“ an den Stoff herangeht.

„Im Profi-Betrieb überdecken Karrieredruck und Eitelkeit oft, worum’s eigentlich im Theater gehen sollte: Nämlich darum, eine Geschichte zu erzählen“, erklärt Gassner, der in Stumm nicht nur als Intendant und Regisseur, sondern auch als Autor des Jugendstücks „mona-lisas-lächeln“ (Premiere: 3. Juli) und als Schauspieler im rasanten Kultstück „Shakespeares Greatest Hits – reloaded“ (14. Juli) in Aktion tritt. Aber zurück zum „Bockerer“, jenem urwienerischen Stück, das in Stumm eine Zillertaler Note bekommt. In die Handlung eingeflochten werden Anekdoten aus der Region, gespielt wird auf Tirolerisch. Aber ist das Stück nicht ein zu harter Brocken für die Laientruppe? Gassner verneint: „Ich war ganz erstaunt, auf wie viel schauspielerisches Potenzial ich hier getroffen bin. Und seien wir ehrlich: Es gibt auch untalentierte Profis.“

Doch das Volksstück ist nur einer von 42 Programmpunkten, mit dem das Festival punkten will. Die Eröffnung am 20. Juni steht unter dem Motto „Aufschrei“ und bietet unter anderem einen Spaß-Triathlon, bei dem man sich beim Seilziehen, Bierdeckelhausbau und Turmspringen beweisen muss. Angeblich hat man mit der perfekten Arschbombe die Nase vorn ...

Martin Flörl, der musikalische Leiter, bringt das Festival in gewohnter Manier zum Klingen: Geboten wird ein breitgefächertes Konzertprogramm, bei dem alpenländischer Sound genauso Platz hat wie Jazz oder Klassik. Zum Drüberstreuen gibt’s am 5. Juli ein Techno-Festival auf der Platzl-Alm und eine abgefahrene Wirtshaus-Tour, bei der mörderische Galgenlieder unters Volk gebracht werden.

Stumm gibt also laut. Dass man in Uderns mit dem noch bis 28. Juni laufenden Festival „Steudltenn“ auch mit Kultur punkten will, sieht Gassner gelassen. Konkurrenzgedanken will er keine aufkommen lassen: „Wir haben ein komplett anderes Programm und gehen uns deshalb nicht im Weg um. Ich seh’ uns als Theaterproduzenten, während ‚Steudltenn‘ mehr den Veranstaltungscharakter hat.“ (fach)