Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.06.2014


Bühne

Die Legende vom heiligen Schimpfer

Ein äußerst kurzweiliger „Bockerer“ eröffnete am Samstag die 10. Auflage von „stummer schrei“.

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© Stummer Schrei



Von Joachim Leitner

Stumm – Um es vorweg zu nehmen: Jede Inszenierung von „Der Bockerer“ – spätestens seit Franz Antels Verfilmung in den frühen 1980er-Jahren unveräußerliches Kulturgut Österreichs – steht und fällt mit dem Hauptdarsteller. Und schon allein deshalb kommt man nicht umhin, Thomas Gassners Adaption des 1948 erstmals auf die Bühne gebrachten Stoffes als gelungen zu bezeichnen. Heinz Tipotsch, der – wir erinnern uns dunkel – vor zwei Jahren als Cyrano de Bergerac eine etwas überhitzte Debatte über den medialen Umgang mit Laiendarstellern anstieß, spielt den titelgebenden Bockerer nicht, für gut zwei Stunden ist Tipotsch der bockige Metzgermeister Karl Bockerer. Er tollt, taumelt und trauert. Vor allem aber schimpft er. Und das so unaufgesetzt, so authentisch, dass man sich einige seiner Injurien gerne notiert hätte, um sie bei nächster Gelegenheit einem Tunichtgut entgegenzuschmettern.

Womit wir bereits beim zweiten potentiellen Problem wären, das dieser „Bockerer“, der am Samstag im Rahmen des Festivals „stummer schrei“ seine Premiere feierte, gekonnt umschifft. Gassner hat den ursprünglich in Wien angesiedelten Stoff nach Tirol, genauer gesagt, ins Zillertal verlegt. Das heißt, es wird auch abseits verbaler Entgleisung behutsam Dialekt gesprochen, was den Umgang des durchwegs überzeugenden Laienensembles – größtenteils ausgewiesene Charakterköpfe – mit der historisch bedeutsamen Thematik des Stücks offensichtlich erleichtert. Der Zillertaler Bockerer ist ungekünstelt, es gibt kein Chargieren, aber viel Platz für den manchmal leisen, dann wieder etwas ungestümen Humor des Textes, der durch zitierfreudige musikalische Zwischenspiele (Arrangements: Christoph Stock) mal betont, dann wieder konterkariert wird.

Insgesamt findet Gassner für seine Version der Geschichte vom sturen Hund, der der volkstümelnden Hitlerei die Stirn bietet, klare, betont bodenständige Bilder. Gerade weil die Effekte auf der von Andrea Kuprian entworfenen Bühne des „Dorfbäck-Stadls“ sparsam eingesetzt werden, kommen sie richtig zur Geltung. Vor allem der expressiv in Szene gesetzte Bomberangriff sowie ein irrwitziger Auftritt eines vermeintlichen „Führers“ in der Krachledernen (Alfred Kröll) bleiben in Erinnerung.

Fazit eines zu Recht umjubelten Premierenabend, der die zehnte Auflage von „stummer schrei“ eröffnete: Dieser äußerst kurzweilige „Bockerer“ überzeugt.