Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.06.2014


Bühne

Warum es Wrumms macht

Martin Plattners wortgewaltiges Drama „um:hausen – ein dorf sucht sein phantom“ verstört und betört.

© Julia Hammerle



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Auf einer Videowall erhellt ein „Griaß di“ die düstere Spielwiese eines Psychodramas, das sich „um:hausen“ nennt. Und um die Suche nach einem dörflichen Phantom kreist, das Hausfrauen zerschnetzeln will – und seine Drohbriefe mit blutverschmierten Grüßen schmückt. Doch Martin Plattners Text, der am Dienstag beim Tiroler Dramatikerfestival seine Premiere erlebte, ist mehr als nur ein Thriller-Märchen. In der schlau verschachtelten Regie von Martin Zistler wird der Zuschauer in ein unheimliches Universum der Ausgegrenztheit entführt – hier lebt eine 41-jährige Linkshänderin und Nichtwählerin, die nie gehört wurde, nie reden durfte, die sich wie ein „nichtendes Nichts“ fühlt, der die Gemeinschaft mit einem „Halt’s Maul“ begegnet.

Oder gibt’s diese Frau, die „Name geschwärzt“ heißt, am Ende gar nicht? Existiert sie nur in der Phantasie jener alten Frau, die ausgerechnet da wohnt, wo der „Gemeindekasperl“ zwecks Dorferneuerung seine Kläranlage hinstellen würde? Diese Möchtegern-Mama häkelt gegen ihre Langeweile an – und womöglich häkelt sie mit ihrem Meuchel-Teppich ja auch die neugierigen Nachbarn, die jetzt ihrerseits mal das Maul halten.

Für sein virtuos gewürztes „Wortbeuschel“ hat sich Plattner an der Realität orientiert: Vor zehn Jahren sorgte in Umhausen eine Todesliste für Aufsehen, das Opfer entpuppte sich schlussendlich als Täterin, die nicht nur das Dorf, sondern auch die Medienwelt an der Nase herumführte. Eine Nacherzählung dieses Dramas ist „um:hausen“ aber nicht: Vielmehr ist die einstündige Inszenierung, bei der gespenstische Videoprojektionen auf ein gehäkeltes Bühnenbild prallen, eine albtraumhafte Collage dörflicher Abgründe. Den starken Text erwecken Sebastian Brunner und Katarina Csanyiova eindrucksvoll und sprachgewaltig zum Leben, auch Autor Plattner tritt in Aktion – und sorgt als dialektale Stimme aus dem Off für Unbehagen. Und für offene Fragen: Warum es Wrumms gemacht hat, weiß auch das Phantom nicht. Vielleicht war’s ja auch so was wie eine Dorferneuerung.




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