Letztes Update am Mi, 23.07.2014 07:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

Im Kreis aus Macht, Schuld und Eros

Gustav Kuhn hat am Wochenende bei den Tiroler Festspielen Erl mit Richard Wagners „Rheingold“ und „Die Walküre“ seinen „Ring des Nibelungen“ im Passionsspielhaus wiederaufgenommen.



Von Ursula Strohal

Erl – Göttervater Wotan, in Gegenwart seiner schönen Gattin Fricka ein junger Dand­y auf der Sonnenliege, trägt einen Siegelring, aber der taugt ihm nur zu ein wenig lasziver Eleganz. Da berichtet der Feuergott Loge von Alberich, der den Rheintöchtern das Rheingold abjagte und sich einen Ring schmiedete, der grenzenlose Macht verleiht. Die Gier nach dem Ring und sein erotisches Drängen, das ihm außereheliche Kinder zuhauf beschert, setzten Wotans schuldhafte Verstrickungen in Gang.

Wieder hängt Wotans Speer von Beginn an über den Göttern – nahe auch über dem Publikum. Kuhn, musikalischer Leiter und Regisseur, zeigt den Speer gleich dem Damoklesschwert, das Gefahr und Vergänglichkeit von Macht und Reichtum einmahnt. Kuhn hat nicht gedreht an seiner Inszenierung, die von Jörg Neumann (er starb 2005) erdachten einfachen, oft überraschenden szenischen Lösungen betreut und modifiziert nun Jan Hax Halama. Kuhns anspielungsreiche, oft kluge, kritische, mitunter humorvolle Ansätz­e zeigen in der Realisierung sein Bekenntnis zum äußerlich armen Theater, den Kostümen von Lenka Radecky kommt besondere Bedeutung zu. Dass die das Gold hütenden Rheintöchter von Asiatinnen gesungen werden, verweist auf den entsprechenden heutigen Wirtschafts- und Entwicklungsstandort. Fasolt und Fafner als Spitzensportler verweisen auf riesenhafte Helden des Volkes. Die Gefangenhaltung von Mime und Alberich assoziiert böse Bilder politischer Realität. Nach dem stimmgewaltigen Toben der tote Helden aufsammelnden Walküren auf ihren Stahlrössern konzentriert sich Kuhn mit jede Äußerlichkeit ausschließender, berührender Innigkeit – durch eine kleine Geste Brünnhildes aber über die Norm hinausgehend – auf Wotans Abschied von seinem Lieblingskind.

Michael Kupfers Bariton erprobt sich an Wotan, das geht nur im „Rheingold“ und nicht zur Gänze auf. Der „Walküren“-Wotan war am Samstag Vladimir Baykov, 40 und stimmlich auf gutem Weg, optisch mehr Bank­beamter als Göttervater. Thomas Gazheli hat in Alberich eine Traumrolle, die er sich imponierend ganz und gar anverwandelt. Herausragend auch Johannes Chum als überlegener Loge. Dunkle Bedrohung aus Bassgewalt und Kraft die Riesen von Franz Hawlata und Andrea Silvestrelli, hell leuchtend Joo-Anne Bitters Freia. Großartig an beiden Abenden die Fricka von Hermine Haselböck: keine launische Keiferin, sondern eine Frau, die sich sportiv, elegant und integer durchsetzt. Leuchtend der Sieglinden-Sopran von Marianna Szivkova, auffallend begabt und mit Entwicklungsmöglichkeit Andrew Sritheran als Siegmund, charaktervoll und bedrängend Raphael Siglings Hunding. Mona Somm sang, intensiv wie in der Darstellung, eine großartige, differenzierende Brünnhilde. Stark besetzt durchwegs die kleineren Partien.

Endlich wieder Passionsspielhaus. Das moderne, prächtige, neue Festspielhaus umarmt und entsendet Musik von diffizil kleinster bis füllig umfangreicher Besetzung, rund und übergenau bis zur letzten Reihe. Doch daneben die Einzigartigkeit des Passionsspielhauses, dies­e Wunder-Akustik nicht weniger präsent, aber nicht so knallig. Weich, raumgebend, verdichtend, was zusammengehört und dabei doch höchst transparent, die Klangcharakteristik der Instrumente verschmilzt mit den Figuren, Soli treten narrativ hervor. Durch die Präsenz des Riesenorchesters hochaufsteigend hinter dem technik­freien Bühnenstreifen gewinnt die Musik optisch Leben als altgolden schimmernder Organismus. Ein Faszinosum, das den Erler „Ring“ wesentlich prägt.

Viele der qualitativ herausragenden Musizierenden sind mit dem Werk bzw. seiner Erler Aufführungs- und Entwicklungsgeschichte mitgewachsen. Kuhn verlangt ihnen und sich alles ab, taucht in dieser Neuauflage des „Ring“ noch tiefer ein in dieses Gebäud­e aus aktueller Weltsicht, schwankende­r Moral, Machtgier und Sinnlichkeit. Kuhn und das Festspielorchester waren am Wochenende bei der Wiederaufnahme von „Rheingold“ und „Die Walküre“ nach den Jahren noch spannungsvoller in der Dynamik, lyrischer in der Beseelung, bewegender in den Emotionen. Stark und kraftvoll in den vehementen Szenen, betont kantabel und immer ohne falsches Pathos.




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