Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.08.2014


Bühne

Über Knopf und Kragen reden

Die Kostüme der Cesti-Oper „L’Orontea“ tragen die Handschrift von Annamaria Heinreich, die Theaterträumen mit Herz und Seele Stoff gibt.

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Von Christiane Fasching

Innsbruck – „Ein Foto? Muss das wirklich sein?“, fragt Annamaria Heinreich und verschwindet flugs hinter einem Kleiderständer, der wie das Überbleibsel einer Reise in die Vergangenheit wirkt. Ein goldenes Jäcklein hier, eine altrosa Robe dort, nicht zu vergessen das edle Beinkleid, das mit seinem Elfenbeinton besticht – und Kostümbildnerin Heinreich wieder aus der Reserve lockt. Denn lieber spricht die Kostümbildnerin über ihre Entwürfe als über sich selbst. „Ich hab’ die Entscheidung getroffen, hinter der Bühne zu arbeiten“, erklärt die gebürtige Wienerin, die seit 1976 in Italien lebt und ihre textilen Spuren schon in ganz Europa und auch in den USA hinterlassen hat. Für die Cesti-Oper „L’Orontea“, die anno 1656 in Innsbruck uraufgeführt wurde und ab Freitag im Rahmen der Schiene „Barockoper: Jung“ ihr Dacapo feiert, ist die vielbeschäftigte Wahl-Italienerin nun erstmals auch für die Innsbrucker Festwochen im Einsatz. Nach Tirol gelotst hat sie Stefano Vizioli, unter dessen Regie die Preisträger und Teilnehmer des letztjährigen Cesti-Wettbewerbs die Bühne erobern.

Die historisch gefärbten Kostüme sollen dem jungen Sänger-Cast dabei helfen, im barocken Werk anzukommen und den verschiedenen Rollen tatsächlich auf den Leib zu rücken. „In Jeans oder modernen Röcken würde man ja allein schon ganz anders gehen, als man es in diesen Kostümen tut“, sagt Heinreich – und streicht über ein prunkvolles Kleid, das an eine Robe der schwedischen Königin Christina gemahnt, die im 17. Jahrhundert regierte.

Der Bezug zur Geschichte ist Heinreich wichtig, ihre eigene Theatergeschichte nahm im Paris der 1970er-Jahren ihren Anfang. In Frankreichs Hauptstadt wollte sie damals eigentlich in die Welt der Mode eintauchen, doch angespornt durch eine Freundin, die für Le Monde Opern- und Ballettkritiken verfasste, tauchte sie immer tiefer ins Bühnenuniversum ein und legte den Haute-Couture-Plan schließlich ad acta. Bereut hat sie das nie. Heinreich: „In der Modewelt ist der Druck noch viel größer als am Theater. Man muss mit seinen Entwürfen Geld machen, ich muss mich ‚nur‘ ans Budget halten.“

Regisseur Peter Stein hält sich wiederum gern an Annamaria Heinreich – und das schon seit Jahren. Zuletzt arbeiteten die beiden für Steins Inszenierung der Schubert-Oper „Fierrabras“ im Rahmen der Salzburger Festspiele zusammen. Bereits im Oktober geht’s für ein neues Projekt dreieinhalb Monate nach Moskau. „Ich bin noch immer verblüfft über sein ungeheures künstlerisches Wissen und auch menschlich war die Begegnung mit ihm eine Bereicherung“, schwärmt Heinreich von dem „Theater-Meister“. Neben Stein arbeitete Heinreich aber auch mit Größen wie Riccardo Muti, Claudio Abbado oder Klaus Maria Brandauer zusammen. Und auch der „Jedermann“ trug Mitte der 1990er ihre Kostümhandschrift. Wie viel Meter Stoff sie schon zu Theaterträumen verarbeitete, weiß sie aber nicht. „Für solche Gedanken fehlt mir die Zeit.“