Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.09.2014


Bühne

Wiener Auferstehung eines wilden Mädchens

Das Theater an der Wien haucht Tschaikowskis einstigem Misserfolg „Die Zauberin“ kraftvoll neues Leben ein.

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© THEATER AN DER WIEN



Von Stefan Musil

Wien – Die Freiheit hatte es immer schon schwer. In Tschaikowskis Oper „Charodeyka“, „Die Zauberin“, ist das nicht anders. Hier betreibt eine junge Frau namens Nastasja, von allen „Kuma“, also „Gevatterin“ oder „kumpelhafte Freundin“, genannt, ein Etablissement am Rande von Nischni-Nowgorod. In dem trifft sich alles, was nicht in die Gesellschaft passt oder ihren Zwängen entfliehen möchte. Hier darf auch die Männertanzgruppe in Cheerleader-Röcken die Beine schwingen.

Das mag ein aktueller Seitenhieb sein, den sich der Regisseur dieser Opernrarität im Theater an der Wien, Christof Loy, erlaubt. Sonst setzt er ganz auf Erzählung, holt den Stoff aus dem 15. Jahrhundert ins Heute, ins Allgemeingültige. Ihm gelingt eine fein gedachte Inszenierung in der schlichten Ausstattung von Christian Schmidt. Ganz besonders im komplexen ersten Akt schafft er es, Chor und unzählige Personen souverän zu bewegen. Es ist keine radikal neue Sicht auf einen alten Stoff. Denn es existiert keine lange Aufführungstradition, gegen die es anzuinszenieren gilt. Tschaikowskis Oper fiel bei der Uraufführung 1887 in St. Petersburg durch und wurde seither kaum gespielt. Erst in den letzten Jahren gab es manche Wiederbelebungsversuche.

Kumas Insel der Freiheit schürt auch Misstrauen und Ängste, man hält sie für eine Zauberin. Als der Fürst Nikita erscheint, um das Lokal zu schließen, sich jedoch in Kuma verliebt, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Nikitas Sohn, Prinz Juri, verspricht seiner Mutter, Kuma zu töten. Doch als Kuma, die vorher Nikita mutig abgewiesen hat, dem Prinzen ihre Liebe gesteht, verwandelt sich auch dessen Rache in Zuneigung. Sie beschließen zu fliehen. Es kommt zum Showdown: Die Fürstin vergiftet Kuma und der Prinz wird von seinem eifersüchtig rasenden Vater erstochen, der ob der Tat dem Wahnsinn verfällt. Loy schafft es, soweit möglich, die wilde Geschichte, die manche dramaturgische Schwäche zeigt, dennoch packend zu erzählen.

Die Musik, die sich Tschaikowski dazu ausgedacht hat, ist herrlich, besitzt zwar nicht die Schlagerdichte eines „Eugen Onegin“, überrascht aber mit kühnen und ungewohnten Einfällen. Mikhail Tatarnikov weiß das am Pult des engagiert folgenden ORF-Radio-Symphonieorchesters mit aufmerksamer Hand stilsicher zum Klingen zu bringen. Asmik Grigorian gibt der Kuma leuchtende, zartherbe Soprankraft, und changiert darstellerisch als schwer fassbare Lichtgestalt zwischen Mädchencharme, Zerbrechlichkeit, Mut und Stärke.

Sehr mächtig tönt die Herrenriege: Als von Geilheit getriebener Nikita punktet Vladislav Sulimsky mit kernigem Kraftbariton, herrliche Bassmacht verströmt Vladimir Ognovenko als sein Schreiber, während Maxim Aksenov als Prinz seinen Tenor deutlich bemühen muss. Auch bei Agnes Zwierko fällt die Fürstin recht derb aus. Hanna Schwarz erinnert in der Minirolle der Kammerfrau an ihre große Vergangenheit, inmitten eines glänzenden Ensembles und des exzellenten Arnold-Schoenberg-Chores. Große Zustimmung für die gelungene Wiederbelebung einer hörenswerten Opernrarität.