Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.03.2015


Bühne

Die Liebe in Zeiten des Neoliberalismus

Susanne Schmelcher inszeniert „Anna Karenina“ in den Kammerspielen als bittere „Comédie humaine“ mit herausragendem Ensemble.

© TLT/LarlBitte kein Pathos: Wronski (Timo Senff) und Anna (Sara Nunius) können wider besseres Wissen nicht voneinander lassen.Foto: TLT/Larl



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Auf die Pause hätten die Macher von „Anna Karenina“ verzichten können. Knapp zwei Stunden Theater scheinen Sitzfleisch und Blase des Publikums zumutbar. Zumal, wenn das, was geboten wird, inhaltlich mitreißend und szenisch schlüssig ist. Und das ist bei „Anna Karenina“ beinahe durchwegs der Fall.

Dass nach ziemlich genau der Hälfte der Spielzeit die Saalbeleuchtung angeht, gereicht also nur jenen Fluchtwilligen zum Vorteil, die sich von der Adaption eines monumentalen, als Hochglanz-Schmachtfetzen verfilmten Tolstoi-Romans mehr großbürgerliche Grandezza und Kosaken-Kitsch erhofft haben. Das freilich findet man in Susanne Schmelchers durchdachter Inszenierung – sieht man von einem gelegentlich von der Decke baumelnden Kronleuchter ab – nicht (Bühne: Helfried Lauckner; Kostüm: Markus Spatzier).

Bereits 2008 hat der deutsche Theatermacher Armin Petras – derzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart – Tolstois in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts entstandenes Sittengemälde für die Bühne bearbeitet. Was zunächst einmal heißt, dass er vor allem die gesellschaftliche Komponente des Romans ausspart – und einige Grundkonflikte herausarbeitet, die auch heute, beinahe 140 Jahre nach Erscheinen der „Karenina“, ungebrochen aktuell sind.

Jeden Ansatz von Pathos hat Petras aus der Vorlage getilgt. Und selbst wenn er eine der Figuren in die große, herzzerreißende Geste treibt, folgt der Anpfiff auf dem Fuß: „Lass doch dieses Pathos“, schmettert Anna Karenina ihrem Liebhaber Wronski entgegen. Petras Protagonisten sind abgebrühter als jene von Tolstoi. Abgebrühter, aber nicht weniger verzweifelt. Auch sie lieben abgöttisch die Falschen, aber ihre Sorge gilt weniger der gesellschaftlichen Ächtung, als ihrer selbstgerechten Gefühlsökonomie. Liebe in neoliberalen Zeiten also: Jeder ist zunächst einmal mit sich selbst beschäftigt. Ein Umstand, dem Schmelchers Inszenierung durch ein ausgeklügeltes Spiel von Nähe und Distanz Rechnung trägt. Anna Karenina (Sara Nunius) beispielsweise trägt streckenweise einen weiten Reifrock, der verhindert, dass Verehrer ihr zu nahe kommen. Gelingt es einem doch, sorgen Rollschuhe dafür, dass sie nicht zu greifen ist. Anderseits: Dementsprechend wackelig geht Karenina durchs Leben. Ähnlich verhält es sich mit Kitty und ihren schmucken Kopfhörern: Sie kapselt sich von der Umwelt ab – und hofft doch darauf, dass einer kommt und ihr das Gerät vom Schädel reißt.

Wie Nunius, emotionaler Dreh- und Angelpunkt im Reigen mehr oder weniger glückloser Techtelmechtel, liefert auch Marion Fuhs, die Kitty als verzogen-verzweifeltes Püppchen spielt, eine Glanzleistung ab.

Überhaupt sind es vor allem die Frauenfiguren, die in Erinnerung bleiben. Allein Ulrike Lasta als Dascha, die mehr am Altern des eigenen Antlitzes, als an der Untreue ihres Mannes leidet – und ihre Wut durch einen herzhaften Biss in einen Salatkopf ausdrückt. Gerade in solchen Momenten werden das Unausgesprochene, unterdrückter Zorn, erkaltende Leidenschaften und vermeintlich unangemessenes Begehren anschaulich – nicht nur be-, sondern beinahe greifbar.

Weniger klar konturiert sind indessen die männlichen Figuren: Während Annas Sehnsüchte und Abgründe, ihre Versuche, das eigene Handeln zu rechtfertigen, viel Raum einnehmen, bleibt ihr Mann Karenin, den sie verteufelt und für Wronski (Timo Senff) verlässt, etwas blass. Helmuth A. Häusler spielt ihn – wenig spektakulär, aber effektiv – als zurückhaltenden Technokraten, der im Stillen hadert. Auch die dunklen, ja ungeheuerlichen, beinahe dämonischen Seiten von Stefan (Kristoffer Nowak) und Lewin (Benjamin Schardt) sind in kleinen Gesten eher erahnbar, als voll ausgespielt. Auch darin liegt die untergründige Spannung dieser bitteren Comédie humaine, die das Premierenpublikum am Samstagabend in den Kammerspielen mit minutenlangem, euphorischem Applaus belohnte.