Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.06.2015


Film-Festival in Innsbruck

Die Hoffnung auf dem Friedhof

Morgen beginnen beim Internationalen Film Festival Innsbruck wieder die großen Kinoreisen. Im Elend gibt es kaum einen Unterschied zwischen einem tadschikischen Dorf, Nairobi oder San Salvador.

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© One Fine Day Films/IFFI



Von Peter Angerer

Innsbruck – Als der französische Regisseur Jacques Audiard vor einer Woche in Cannes die Goldene Palme gewann, wurde sein Siegerfilm „Dheepa­n“ – über eine tamilische Flüchtlingsfamilie – in vielen Medien zum „Film der Stunde“ erkoren. Der Verweis auf die Aktualität des Stoffes verrät aber nur Verdrängung oder Vergesslichkeit, denn die Tragödien auf offenem Meer oder in in ihrer Dimension unvorstellbaren Flüchtlingslagern gibt es seit einem Vierteljahrhundert und ebenso lange erzählen afrikanische Filmemacher von diesen Ereignissen. Einige dieser Filme wie Moussa Toures „La Pirogue“ wurden beim Internationalen Film Festival Innsbruck gezeigt und ausgezeichnet. In der diesjährigen, morgen beginnenden Ausgabe des Festivals gibt es diesen „Film der Stunde“ nicht, aber in vielen Wettbewerbsfilmen wird von ausweglosen und entwürdigenden Lebensbedingungen erzählt, von sozialen Verhältnissen, die nur Opfer hervorbringen, denen man wünscht, ihnen möchte die Flucht gelingen. Diesen Hoffnungsschimmer gibt es.

In Nosir Saidovs Film „Der Lehrer“ ist es ein kleiner Baum, den ein Mädchen auf einem staubigen Friedhof pflanzt. Der Lehrer ist Samadar, dem alle Kinder des tadschikischen Dorfes anvertraut werden. Der pädagogische Eifer macht ihn als nostalgischen Anhänger der aufgelösten Sowjetunion verdächtig. Der Bildung verachtende und fürchtende Imam hat ihn auch noch nie in der Moschee gesehen. Wegen eines Grabes, das er auf Wunsch seines sterbenden Vaters ausgehoben hat, möchte der Glaubensführer den Lehrer sogar verhaften lassen.

Bereits in seinem Debütfilm „True Noon“ erzählte Nosir Saidov von den Veränderungen in einem tadschikischen Dorf, durch das ein Stacheldrahtzaun gezogen wurde, um Tadschiken und Usbeken voneinander zu trennen. Schon damals war ein Lehrer der Sympathie- und Hoffnungsträger, der seine Schüler über die absurde, von Soldaten zudem verminte Grenze hinweg unterrichtet. 2011 gewann Saidov für diese Filmfabel den IFFI-Hauptpreis. In seinem zweiten Film setzt Saidov nicht mehr auf anrührende Bilder der Solidarität über willkürliche Grenzen hinweg, sondern auf ein Symbol für Geduld. Nach dem Tod seines Vaters verlässt Samadar das Dorf und beauftragt eine Schülerin mit der Betreuung eines Bäumchens.

In Arturo Menéndez’ erster Kinoarbeit „Malacrianza“ findet ein armer Mann vor seiner Wohnungstür einen Zettel mit der kaum lesbaren Aufforderung, innerhalb von 72 Stunden 500 Dollar zu hinterlegen „oder Sie werden getötet!“. Don Cleo, um den Diebe einen Bogen machen und der schon am Morgen das Brot auf Kredit besorgen muss, lebt in einer Favela in San Salvador. Alle mögen Don Cleo, aber statt Geld fliegen ihm nur Solidarität und Mitleid zu. Den Scheck einer ehemaligen Geliebten kann er ohne Ausweis nicht einlösen.

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Wie seinem Erpressungsopfer fehlt auch Arturo Menéndez das Geld für einen großen Film. Nicht alle Bilder sind scharf, wenn er Don Cleo, der in einen Abgrund der Angst taumelt, mit einer billigen Handkamera folgt und nicht alle Laiendarsteller sind den Herausforderungen gewachsen. Doch die grandiose Idee sollte belohnt werden – beispielsweise mit der Produktion einer neuen Fassung.

Der kenianische Regisseur Simon Mukali konnte seinen ersten Film „Veve“ mit der Unterstützung von Tom Tykwers Stiftung One Fine Day Films realisieren, die auch den im 2013 beim Innsbrucker Festival gefeierten Film „Nairobi Half Life“ produziert hat. Amos Munene tritt in der Öffentlichkeit als Wohltäter auf, er unterstützt Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Seiner schönen Frau imponiert er mit Passagen aus Obama-Reden. Sein Nahziel ist der Gouverneursposten und so, wie sich die Dinge entwickeln, wird er irgendwann wohl auch zu Kenias Präsident gewählt werden. Doch Munene ist ein Gangster. In der Provinz Meru kontrolliert er den Anbau für eine Droge, die in der Hauptstadt Nairobi von einem muslimischen Großhändler veredelt wird, sich aber unter der Bezeichnung Veve wie ein Grashalm kauen lässt. Munene kann den Schein der Anständigkeit wahren, weil ein Freund die Schmutzarbeit erledigt. Kleinbauern, die sich gegen die Preispolitik mit der Gründung einer Gewerkschaft wehren, verlieren ihre Höfe. Transportunternehmer, die ihre Lastwagen nicht zur Verfügung stellen, verlieren ihr Leben. In seiner Maßlosigkeit hat sich Munene aber schon zu viele Feinde gemacht. „Veve“ befolgt in seiner Erzählung die Regeln des Thrillers, nur der Erzählrhythmus verweigert sich unseren Sehgewohnheiten und blendet das Elend auf den Straßen nicht aus.