Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.10.2015


Kino

Kapitulation vor den Kartellen

In seinem Film „Sicario“ nimmt der kanadische Regisseur Denis Villeneuve die Tradition des Politthrillers aus den 70ern auf.

Auf der Jagd nach mexikanischen Drogengangstern steht Emily Blunt als FBI-Agentin Kate Macer vor einem moralischen Dilemma.

© PolyfilmAuf der Jagd nach mexikanischen Drogengangstern steht Emily Blunt als FBI-Agentin Kate Macer vor einem moralischen Dilemma.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Francesco Rosi eröffnete 1975 seinen Film „Die Macht und ihr Preis“ mit dem Besuch in den Katakomben der Kapuzinergruft von Palermo, wo seit Jahrhunderten an den Wänden lehnende Leichen besichtigt werden können. Ein Staatsanwalt nutzt diese Attraktion jeden Morgen zur Andacht, um sich „von den Toten die Geheimnisse des Lebens verraten“ zu lassen. Mit diesem Film und Damiano Damianis „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ über die Verhältnisse in Italien erreichte das Genre des Politthrillers seinen Höhepunkt. Die Filme waren kommerziell erfolgreich, aber mit ihren Analysen zur gesellschaftliche Realität ebenso wirkungslos.

In Denis Villeneuves „Sicario“ (der Titel bedeutet in Mexiko „Auftragskiller“) stürmen FBI-Agenten ein Gebäude in Phoenix, Arizona; zerhacken mit Spanplatten verkleideten Wände und entdecken 42 Leichen, die Villeneuve wie in Rosis Katakomben arrangiert hat. Die Köpfe der Toten stecken in Plastiksäcken, die Hände sind gefesselt. Die Reaktion im Gesicht der FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) spiegelt Bestürzung und Atmenot, doch Villeneuve erspart uns ebenso wenig den grausigen Anblick der unterschiedlichen Phasen der Verwesung. Die Perspektive bleibt bei der engagierten Polizistin, die sich moralischen Fragen und Grenzerfahrungen stellen muss, die der eskalierte Drogenkrieg zwischen Mexiko und den USA aufwirft. Nach dem verlustreichen Einsatz in Phoenix wird Kate Macer erst einmal einem neuen Sonderkommando zugeteilt, dessen hierarchische Ordnung neuen Regeln zu folgen scheint. Das Sagen hat ein Mann, der wenig sagt. Der Regierungsbeamte Matt Graver (Josh Brolin) steckt in Flipflops, als wäre er direkt vom Strand in diesen Konferenzraum gelatscht. Dagegen wirkt der ehemalige kolumbianische Staatsanwalt Alejandro (Benicio Del Toro) in seinen Wollanzügen, der oft mit Beileidsbekundungen begrüßt wird, als würde ihn frösteln. Dazu gibt es schon bei der ersten gemeinsamen Dienstreise im SUV-Konvoi in die Grenzstadt Juarez genügend Anlass. Von den Autobahnbrücken hängen Leichen, kopfüber trifft es nur ungenau, da vielen die Köpfe fehlen. Die Botschaft richtet sich nicht an die Amerikaner, aber sie wissen sie zu lesen. Drogen werden nicht mehr in Gangsterautos, sondern im Kofferraum von Streifenwagen transportiert, die von Polizisten mit zu geringem Einkommen, um die Kinder in die Schule zu schicken, gelenkt werden.

Als idealistische Polizistin möchte Kate die Kartellbosse bei Verhören eruieren und vor ein amerikanisches Gericht stellen. Alejandro bohrt seinen Zeigefinger in das Ohr eines korrupten Beamten und wischt ihn anschließend an dessen Hemd ab. Die Regierungen haben kapituliert, im kleinen Grenzverkehr zu den Kriegsschauplätzen sind die Bösen und die Guten in ihren Methoden nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Diese Sicht unterstützt Benicio Del Toro, der vor wenigen Wochen als Pablo Escobar in „Escobar: Paradise Lost“ im Kino zu sehen war. Als „Sicario“ ist er angsteinflößender.

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