Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.12.2015


Film und TV

Voyeure für einen heißen Sommer

Trotz der luxuriösen Bilder des Tiroler Kamerakünstlers Christian Berger scheitert Angelina Jolie Pitts Film „By the Sea“ an einer unsäglichen Erzählung über die Depressionen einer ehemaligen Tänzerin.

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© UPI



Von Peter Angerer

Innsbruck – Während die Filmstars Angelina Jolie und Brad Pitt in einem Citroën DS-Cabrio über die Serpentinenstraße einer Küste schweben, verkünden die Inserts über ihnen die erste Veränderung: Frau Jolie heißt ab sofort Pitt. Hier sitzt ein Ehepaar, das ein Ehepaar spielt und das als Brangelina eine ähnliche Aufmerksamkeit erregt wie vor einem halben Jahrhundert nur Elizabeth Taylor und Richard Burton. 1966 drehten die Burtons den Film „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, in dem spektakuläre Dialoge über eine Ehehölle und außerfilmische Spekulationen aufeinanderprallten. Angelina Joli­e Pitts dritte Regiearbeit „By the Sea“ ist eine Soft-Version von Edward Albee.

Das Automodell ist natürlich mit Bedacht gewählt, denn der Wagen punktet durch die französische Aussprache. „Déesse“ heißt Göttin, „die alle Wesenszüge eines jener Objekte hat, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind“. So beschrieb Roland Barthes in seinen „Mythen des Alltags“ dieses Auto, das „ganz offensichtlich vom Himmel gefallen war“. Von solchen Annäherungen konnten sich einst auch Filmstars geschmeichelt fühlen und den Bildern von Christian Berger ist anzusehen, hier wird zwei Göttinnen gehuldigt und der Auftritt einer Diva vorbereitet. Vor einem pittoresken Bistro kommt das Auto zum Stehen, die Wellen des Meeres lecken bis zum Parkplatz, die Kamera verbeugt sich metaphorisch zum Beton, um in einer Großaufnahme die Schuhe beim Aussteigen zu zeigen. Es sind High Heels mit Leopardenmuster, das im Lauf des Films noch einige Accessoires veredeln wird – auch um die Zeit der Handlung, die Siebzigerjahre, kenntlich zu machen. Auf festem Boden und in ihrer Rolle als ehemalige Tänzerin Vanessa angekommen, sagt Frau Pitt: „Ich rieche Fisch!“

Vanessa und Roland verbringen ihren Urlaub irgendwo an der französischen Küst­e, die von der Regisseurin auf einer Insel bei Malta gefunden wurde. Auch Roland ist als Schriftsteller ein Ehemaliger. In der Hotelsuite wartet eine Schreibmaschine, in seinem Hosenbund steckt ein Notizbuch, das auch sein Rückgrat stärken soll. Vor dem Frühstück genehmigt er sich an der Bar von Michel (Niels Arestrup) den ersten Gin, dem später Bier und Pastis Gesellschaft leisten. So bekommen die Tage Struktur, während Vanessa von der Terrasse aus nur die Beobachtung eines Fischers bleibt, der jeden Morgen auf das Meer rudert und am Abend zurückkehrt.

An den Abenden zelebriert das Paar gegenseitige Verachtung und Verzweiflung. Etwas Abwechslung bringen Lea (Mélanie Laurent) und François (Melvil Poupaud), die für ihre Flitterwochen das Nebenzimmer beziehen. Es sind zuerst die akustischen Signale der Leidenschaft, die Vanessa begeistern. Nach der Entdeckung eines Lochs in der Zwischenwand wird die traurige Frau auch zur Augenzeugin dieser Lust, die ihr selbst irgendwann abhanden gekommen ist. Als auch Roland den Schlüssel zu dieser Peepshow findet, entsteht erstmals wieder so etwas wie Zärtlichkeit zwischen dem Ehepaar, das vor dem Loch kauert und bei einem Glas Weißwein die schwitzenden Körper beobachtet. Wie Vampire saugen sich die Komplizen des voyeuristischen Vergnügens an ihren Objekten fest, um ihrer eigenen Hölle zu entkommen, und vielleicht lässt sich aus diesem Stoff auch noch ein Roman entwickeln.

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Von diesem Roman aus erzählt ist „By the Sea“ ein dramaturgisches Desaster, das keine der vier Hauptfiguren erklären kann. Aber es sind die Bilder von Christian Berge­r, die uns wie bei einem Segelausflug in der Flaute auf angenehme Weise durch den Film schaukeln.