Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.02.2016


Film und TV

Eine Wallfahrt durch die Wüste der Erinnerungen

Guillaume Nicloux jagt in „Valley of Love“ die beiden Stars Isabelle Huppert und Gérard Depardieu durch das Tal des Todes.

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© Thimfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Das Engagement von Stars für ein Filmprojekt erleichtert die Finanzierung und das anschließende Marketing für den fertigen Film, der dann allerdings oft dieser Belastung nichts entgegensetzen kann und nach dem Einrollen des roten Premierenteppichs im Depot verschwindet.

Beim letztjährigen Filmfestival von Cannes war „Valley of Love“ eines der spektakulären Ereignisse, vereinigt der Film doch mit Isabelle Huppert und Gérard Depardieu die beiden Großstars des französischen Kinos, die zuletzt 1980 in Maurice Pialats „Loulou“ aufeinandergetroffen waren. Depardieu war damals auf Streuner-Rollen spezialisiert, während die Huppert das Image der verletzbaren Seele kultivierte, die Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gehören konnte. Wie Schauspieler das Labyrinth ihrer Figuren betreten, erzählt nun Guillaume Nicloux in „Valley of Love“ und spielt – wie schon in seinem Film „Die Entführung des Michel Houellebecq“ – mit den Fantasien und Klischees über die realen Identitäten.

Isabelle (Huppert) betritt übermüdet und diskret mit großer Sonnenbrille die Motelanlage des Death-Valley-Nationalparks. Im Schutz der Dunkelheit schaukelt Gérard (Depardieu) mit schlechter Laune in seinem SUV auf den Parkplatz. Beide waren einmal miteinander verheiratet, gehen sich aber seit drei Jahrzehnten aus dem Weg. Das Treffen an einem der Hitzepunkte unter den Bedingungen emotionaler Vereisung hat der gemeinsame Sohn in zwei beinahe identischen Briefen gefordert. Nach seinem Selbstmord verspricht Michael nach einer exakt vorgeschriebenen Route durch die Wüstenlandschaft zwischen Kalifornien und Nevada den Eltern, sich ihnen zu zeigen, um sie von jeder Schuld an seinem Scheitern freizusprechen. Von Schuldgefühlen in ihren Träumen gejagt, klammert sich Isabelle an die Vorstellung, ihr Sohn könnte seinen Selbstmord nur vorgetäuscht haben und sich irgendwo verborgen halten. Gérard war immerhin bei der Beerdigung in San Francisco, womit er seinen Beitrag zur geforderten Spiritualität geleistet zu haben glaubt. Gegen eine „Wallfahrt” durch die Wüste spricht auch der Zustand seines Körpers, den er solchen Strapazen nicht mehr aussetzen möchte. Der hinterhältige letzte Wille des Toten scheint ohnehin darauf abzuzielen, die Eltern für eine Woche der Hitze und damit der Hölle ihrer Erinnerungen auszusetzen.

Die Distanz wird schon im Restaurant sichtbar, denn Gérard ist ein Steakliebhaber, Isabelle sagt als zarte Vegetarierin seit Tschernobyl sogar zu Pilzen Nein. Mit der Grandezza eines Triathleten wirft Gérard am Pool sein bizarres Hawaii-hemd ab und taucht seinen gigantischen Schmerbauch in das Wasser, um sich nach der leichten Schwimmübung wieder dem Nikotin und dem Whiskey zu widmen. Leichtgläubige Autogrammjäger speist der exzentrische Filmstar mit der Unterschrift von Bob De Niro ab und lügt das Blaue vom Himmel, das Isabelle nur vage bestätigen will. Es sind dann diese Momente, in denen sich Isabelle Huppert vollkommen zurücknimmt und mit Erstaunen die Kunst ihres Partners, zugleich mit seiner Rolle und seinem Image zu spielen, beobachtet. Dafür revanchiert sich die Huppert in einer langen Kussszene, in der sie mit ihrem Gesicht die Geschichte aller Liebesszenen im Kino einsammelt, in ihren Augen das Scheitern einer Liebe ironisch bricht und zuletzt mit dem Hauch einer Berührung der Lippen die Magie des Kinos illustriert.

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Daneben gerät beinahe der spirituelle Auftrag in Vergessenheit. Das Ex-Paar sucht schwitzend die symbolischen Orte im Tal des Todes auf. Nach Badwater Basin – mit 85 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt in Amerika – und Dante’s View finden sie im Mosaic Canyon endlich zur Katharsis.