Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.04.2016


Film und TV

Kindersoldaten, die sich in den Schlaf weinen

Martin Zandvliet erzählt in „Unter dem Sand“ ein düsteres Kapitel der dänischen Nachkriegsgeschichte als spannenden Thriller.

© ThimfilmJugendliche deutsche Soldaten wurden 1945 zur Entschärfung der Minen an den dänischen Küsten gezwungen.Foto: Thimfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Vor der Invasion durch die Alliierten hatten sich Hitler und seine Generäle verschätzt, als sie die Landung statt in der Normandie in Dänemark erwarteten. Über zwei Millionen Landminen wurden an den dänischen Küsten vergraben. Nach der Niederlage der Nazis wurden 1945 von Briten und Dänen deutsche Kriegsgefangene zur Beseitigung der etwa 20 Zentimeter „unter dem Sand“ verborgenen Minen unterschiedlicher Bauart gezwungen.

In seinem Film konzentriert sich Martin Zandvliet – er hat auch das Drehbuch geschrieben – auf ein Dutzend minderjähriger Gefangener, der Jüngste 15, der Älteste knapp 19 Jahre alt, die einige Monate zuvor als Volkssturm das letzte Aufbäumen des Deutschen Reiches darstellten. Nach dem Schwur auf den Führer war es für die Kindersoldaten auch schon vorbei, aber für den dänischen Hauptmann Ebbe Jensen (Mikkel Boe Følsgaard) sind sie die Täter, denn „wer alt genug ist, in den Krieg zu ziehen, ist auch alt genug, danach aufzuräumen“. Mit sadistischer Genugtuung verfolgt er, wie die oberflächliche Ausbildung zur Entschärfung der Minen das erste Todesopfer fordert. Nach dieser kurzen Einführung, bei der auch wir alle die entscheidenden Handgriffe lernen, werden die Jugendlichen dem von Carl Rasmussen (Roland Møller) beaufsichtigten Küstenabschnitt zugewiesen. Der dänische Feldwebel verfügt immerhin über Aufzeichnungen zur Lage und Anzahl der Minen. Um die Deutschen zu motivieren, verspricht ihnen Rasmussen nach der Räumung der 42.000 Minen die Freiheit, doch Schnelligkeit ist bei dieser Arbeit der tödliche Weg. Auf dem Bauch liegend stochern die Gefangenen mit ihren Eisenstangen im Sand, wenn sie einen Widerstand spüren, wühlen sie mit den Händen den Sand zur Seite. Ist die Mine freigelegt, schrauben sie, vom Feldwebel aus sicherer Distanz beobachtet, den Verschluss ab, ziehen zitternd den Zünder aus der Mine.

„Unter dem Sand“ hätte als Allegorie über die Absurdität des Krieges und dem mit ihm verknüpften Verschwinden jeder Menschlichkeit auf diese Weise in Deutschland nie realisiert werden können, obwohl das ZDF als federführender Koproduzent angeführt wird. Es gibt keinen einzigen ideologischen Wortwechsel, kein Hitlerjunge vermisst den Führer. Wenn sich die Buben vor Hunger und Heimweh in den Schlaf weinen oder mit zerfetzten Gliedern wimmern, ist nur „Mama!“ zu hören. Es sind die Dänen, die den Kindersoldaten das Essen verweigern, weil sie die fünf Jahre deutscher Besatzung nicht abschütteln können und ihren Rachedurst auf diese Weise stillen.

„Unter dem Sand“ ist aber vor allem großes Spannungskino, mit dem Martin Zand­vliet seine Visitenkarte für Hollywood abliefert. Dramaturgisch orientiert er sich an einem anderen Thriller über die Nachkriegszeit. 1951 erzählte Henri-Georges Clouzot in „Lohn der Angst“ von vier in Südamerika gestrandeten Europäern, die sich mit der Belohnung für den Transport von Nitroglyzerin durch einen Dschungel die Rückkehr in eine würdevolle Existenz sicher­n wollen. Anders als Clouzo­t gönnt uns Zandvliet am End­e einen Hoffnungsschimme­r.


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