Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.08.2016


Film und TV

Ein Verführungsfeuerwerk mit optischer Täuschung

In „Mein ziemlich kleiner Freund“ wurde Oscar-Preisträger Jean Dujardin für seine Rolle als perfekter Mann um einen halben Meter geschrumpft.

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© Concorde



Von Peter Angerer

Innsbruck – Diane (Virginie Efira) balanciert moralisch und ökonomisch auf einem schmalen Grat. Als Anwältin akzeptiert sie nur ethisch einwandfreie Mandanten, die aber nur in seltenen Fällen die Dienste eines Verteidigers in Anspruch nehmen. Vor drei Jahren hat sie in ihrem Ehemann und Kanzleipartner Bruno (Cédric Kahn) einen zweifelhaften Charakter erkannt und sich scheiden lassen, doch die berufliche Gemeinschaft konnte sie nicht abschütteln. Daher werden ihre Telefongespräche mit Bruno zu öffentlichen Skandalen, bei denen Diane Handy und Kontrolle verliert. So ähnlich erzählt sie jedenfalls einer verführerischen Stimme ihre Geschichte, denn Alexandre (Jean Dujardin) hat ihr Telefon gefunden und scheint sich zuvor als Zeuge des Eklats gut amüsiert zu haben. Sicher, Alexandre hätte auch „Madame, Ihr Handy!“ rufen können, aber da ist es schon zu spät für Vorwürfe, auch Diane, wie gesagt, seit drei Jahren geschieden und täglich schikaniert von einem besitzergreifenden Ex-Mann, freut sich auf dieses Rendezvous. Kaum hat Diane im vereinbarten Restaurant Platz genommen, knallt eine Hand ihr Handy auf den Tisch, aber die Anwältin sieht keinen Mann. Alexandre muss Anlauf nehmen, um den Stuhl mit Eleganz zu erobern, seine Beine baumeln locker. Um der Enttäuschung in Dianes Gesicht die Schärfe zu nehmen, greift er zur Waffe der Wahrheit, um Missverständnissen vorzubeugen: „Ich bin 1,36 Meter!“

Damit sind Diane und wir im Kinoparkett gleichermaßen überrumpelt, denn Jean Dujardin triumphierte 2011 als stolzer Stummfilmstar in „The Artist“ bei den Filmfestspielen in Cannes und bei der Oscarverleihung. In „Mein ziemlich kleiner Freund“ – ein Remake des argentinischen Films „Corazón de León“ – kämpft er mit ausgeklügelten optischen Tricks und in digitalen Nachbearbeitungen gegen die Tücken einer für ihn zu groß geratenen Welt.

Als Alexandre entzündet er bei Besuchen in geheimnisvollen Spelunken im Hafen von Marseille oder mit Fallschirm-Mutproben ein Verführungsfeuerwerk, dem sich Diane nicht entziehen kann. Der kleine Mann kann auch als Architekt punkten, der für internationale Auftraggeber groß denkt und baut. Aber irgendwann ist die Anwältin dem Druck und den Schmähungen ihres sozialen Umfelds nicht mehr gewachsen. Dabei durchwandert der Film alle Analogien und Vorurteile gegen das Anderssein, um eine massenkompatible Komik zu erzielen. Natürlich werden die Witze politisch korrekt repariert. Alexandre, der perfekte Mann, wenn er nur nicht so klein wäre, leidet unter einer „Wachstumsstörung“. Diesen Konflikt zu spielen, bleibt Virginie Efira aber verwehrt, dabei ist die Belgierin, die gerade das französische Kino erobert, eine Spezialistin für ungewöhnliche Beziehungen. In „Birnenkuchen mit Lavendel“ war sie die geplagte Landwirtin, die sich für einen Autisten entscheidet, in „Familie zu vermieten“ bekehrte sie als Putzfrau einen soziophoben Millionär zu einem Leben ohne Furcht vor Berührungen und Gefühlen. Die Darstellung der komplexen emotionalen Situation scheitert an Laurent Tirard, der bisher mit „Der kleine Nick“ und „Asterix und Obelix“ Comics verfilmt hat.


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