Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.08.2016


„Die fast perfekte Welt der Pauline“

Verloren zwischen den Stühlen

In Marie Belhommes Kinodebüt „Die fast perfekte Welt der Pauline“ brilliert Isabelle Carré als schüchterne Musikerin.

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© Thimfilm



Innsbruck – Beim „Sesseltanz“ können Kinder den Gebrauch ihrer Ellbogen üben, um sich auf robustere Aufgaben vorzubereiten. Dieses Spiel, das nach dem Aussetzen der Musik die Eroberung eines Sitzplatzes verlangt, lässt immer die Schüchternen als Verlierer dastehen. Darauf bezieht sich der Originaltitel von Marie Belhommes Kinodebüt „Les chaises musicales“, nur der deutsche Verleih appelliert mit „Die fast perfekte Welt der Pauline“ lieber an Erinnerungen französischer Komödien­erfolge. Egal, Pauline heißt im Original zudem Perrine.

Pauline (Isabelle Carré) ist die junge Frau, die immer zwischen alle Stühle gefallen ist. Wenn sie einen Vorhang aufziehen will, löst sich die Karniese. Nur eine Maus ist bereit, mit ihr das karge Dasein zu teilen. Paulines mangelndes Selbstwertgefühl diktiert auch die Anzeigen für Stellengesuche, weshalb sich die Geigerin bei Kindergeburtstagen als Darth Vader schikanieren („Ist das schon ein Beruf für Erwachsene?“) lassen muss. Aber es gibt schlimmere Kostüme. Für die Bewohner des Seniorenheimes zum „armen Elend“ muss sie in eine Banane schlüpfen, Werbezettel verteilt sie versteckt unter einem Bärenfell, während ihre traurigen Augen aus dem Maul leuchten. Das Leben begreift sie nur als Serie von Zurückweisungen. Als sie auf einer Landstraße die Orientierung verliert und sich im Kostüm nach dem richtigen Weg erkundigt, fällt Fabrice (Philippe Rebbot) vor Schreck in einen mit Bauschutt gefüllten Container. Als Mörderin verhaftet zu werden, hat ihr gerade noch gefehlt, weshalb sie die Flucht ergreift. Doch Fabrice ist nicht gestorben, er liegt im örtlichen Krankenhaus im Koma – mit ungünstiger Prognose. Von Schuldgefühlen gejagt, sieht sich Pauline erstmals einer Herausforderung gegenüber, der sie gewachsen sein möchte. Sie versucht, den Gesangslehrer in das Leben zurückzuholen. Während ihr Geigenspiel den Patienten eher bedroht, übernimmt sie seine Stelle in der Musikschule, kümmert sich um seinen Sohn und seinen Hund, bis es ihr gelingt, einen eigenen Stuhl zu erobern.

Marie Belhomme ist noch auf der Suche nach einem eigenen Stil. Ihre romantische Komödie bewegt sich zwischen „Während du schliefst“ (1995) mit Sandra Bullock und „Die anonymen Romantiker“ (2010). In diesem Film spielte Isabelle Carré die schüchterne Chocolatière Angélique, die schon bei direkter Anrede in Ohnmacht fiel. Als Pauline/Perrine erfindet sie noch einige überraschende Nuancen der Schüchternheit. (p. a.)