Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.11.2016


Film “Magnus“

“Mozart des Schachs“: Zwischen Genie und Wahnsinn

Benjamin Rees Dokumentarfilm über den Schachweltmeister Magnus Carlsen.

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© Polyfilm



Innsbruck – In Milos Formans „Amadeus“ verweigert Mozart nach dem Anhören eines Klavierstücks des Hofkomponisten Salieri die Annahme der dazugehörigen Noten, da er das einfache Stück bereits im Kopf habe. Für diese Kostprobe von Arroganz verlangt der Kaiser nach einem Beweis. Mozart lässt dank absolutem Gehör seine Finger über die Tasten springen, liefert sogar Variationen, die Salieri erröten lassen und das Eifersuchtsdrama zwischen dem italienischen Musikarbeiter und dem frechen Genie aus Salzburg bilden. Zur Demonstration einer ähnlichen Gedächtnisleistung kann der Regisseur Benjamin Ree in seinem Dokumentarfilm „Magnus – Mozart des Schachs“ auf Archivmaterial zurückgreifen. Für eine Simultanpartie gegen die zehn besten Schachspieler unter den Harvard-Absolventen ließ sich der norwegische Schachchampion Magnus Carlsen mit einem Tuch die Augen verbinden. Als auch der letzte seiner Gegner den König umwerfen musste, begnügte sich der Sieger mit einem Hochziehen seiner Mundwinkel als Zeichen des Triumphs, denn der jugendliche Großmeister benötigte seine Konzentration für das Protokoll der eben gespielten Partien, die er Zug für Zug von seinem Gedächtnis in einen billigen Schreibblock übertrug. Diese Beobachtung inspirierte die anwesenden Journalisten zu dieser Mozart-Analogie, die seither dem Schachspiel eine neue Aufmerksamkeit beschert, nachdem die Jahrhundertkämpfe zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in Vergessenheit geraten waren.

Wegen seiner Unbeholfenheit war Magnus Carlsen, 1990 in Tønsberg, Norwegen, geboren, in seiner Familie das Sorgenkind, das sich nur für Zahlen interessierte. Seine Eltern verfolgten das Aufwachsen der Kinder mit einer Videokamera, weshalb jeder Moment des im Alter von vier Jahren als Schachtalent erkannten Magnus dokumentiert ist. Bereits der Neunjährige weiß, dass er Weltmeister werden wird, der Zwölfjährige wird der jüngste Großmeister der Schachgeschichte, dem Dreizehnjährigen bietet der ehemalige Weltmeister Garry Kasparov, sich die Hände vor das Gesicht schlagend, ein Remis an. Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist in manchen Bildern zu spüren, wenn Carlsen – 2013 – im Turnier um die Weltmeisterschaft den Inder Viswanathan Anand besiegt.

Vom 11. bis 30. November wird Magnus Carlsen in New York seinen Weltmeistertitel gegen Sergej Karjaki verteidigen. Der 26-jährige Russe hatte im März das Ausscheidungsturnier gewonnen. Mit seinen 46 Jahren gilt der von Carlsen entthronte Anand bereits als Veteran. (p. a.)

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