Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 03.01.2017


Tragikomödie

Ein Krieg gegen Schurken und depressive Schübe

In seiner neuen Tragikomödie „Die Überglücklichen“ spielt Paolo Virzì mit den großen Gefühlen und italienischen Traditionen.

Valeria Bruni Tedeschi als verrückte Gräfin, die sich um Ungerechtigkeiten und alte Rechnungen kümmert.

© FilmladenValeria Bruni Tedeschi als verrückte Gräfin, die sich um Ungerechtigkeiten und alte Rechnungen kümmert.



Von Peter Angerer

Innsbruck – In Italien können Filme gar nicht so schnell gedreht werden, um beim Kinostart noch einigermaßen die politischen Veränderungen reflektieren zu können. Bereits die Erwähnung eines Ministerpräsidenten kann einen Film alt aussehen lassen oder einen Lacher ernten, der nicht beabsichtigt war.

Das Herz der Gräfin Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) hängt daher an einem Politiker, den ihr Ehemann Pierluigi in unzähligen Prozessen vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Wenn sie weiter über das Telefonverzeichnis ihres Smartphones scrollt, kommt das einer Drohung gleich, denn nach dem Ministerpräsidenten leuchten schon Clinton und Clooney, dessen Ehefrau Beatrice als Hexe betrachtet. Als ihr die depressive und wegen des versuchten Mordes an ihrem Sohn verurteilte Donatella (Micaela Ramazzotti) im Ärztezimmer der Villa Biondi gegenübersitzt, sieht Beatrice auf den ersten Blick, dass die arme Frau medikamentös vollkommen falsch behandelt wird. Da stürmen aber schon Pfleger und Ärzte den Raum, denn die wirklich gefährliche Patientin ist Beatrice – verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, Betrug und Konkursverschleppung. Ein wesentlicher Anteil der Komik in Paolo Virzìs „Die Überglücklichen“ verdankt sich während der folgenden zwei Stunden der Überprüfung dieser ominösen Telefonliste und der Wirklichkeit außerhalb dieser therapeutischen Einrichtung im toskanischen Landgut, angeblich ein Geschenk der Familie der Gräfin an die Allgemeinheit, der, so Beatrice, mit einer Spa-Anlage wohl besser gedient wäre.

Beatrice ist herzerfrischend reaktionär, ihre Diagnose heißt bipolare Störung und der Aufenthalt in der Villa erspart ihr immerhin eine enge Gefängniszelle, die sie in ihren manischen Phasen zweifellos sprengen könnte. Donatella hat dagegen gar keine Vorstellung von der Wirklichkeit. Seit der Kindheit lebt sie in einer Scheinwelt, erinnernswerte Momente hat sie sich auf ihren Körper tätowieren lassen, obwohl es dafür Notizbücher gibt. Zerbrochen ist sie schließlich an den Regeln der Gesellschaft. Nachdem ihr kleiner Sohn in die staatliche Obhut gekommen war, konnte sie nichts anderes tun als zu weinen. Ihre Tränen waren dann immer das Argument, ihr das Kind zu verweigern, da eine weinende Mutter einem Kind schade. In diesem Moment der Verzweiflung wechselt Beatrice in den manischen Modus. Einmal möchte sie Gutes tun und in genauer Kenntnis der Verhältnisse – „wir sind immer noch in Italien!“ – möchte sie Ungerechtigkeiten beseitigen und in der von Korruption und Männern regierten Welt nebenbei noch alte Rechnungen begleichen. Mit geklauten Autos kacheln die beiden Patientinnen wie einst Thelma & Louise durch die romantische Toskana, überwinden Schurken und depressive Schübe.

Paolo Virzì hat seine zwischen Komödien und Tragödien pendelnden Filme immer an der italienischen Realität reiben lassen. In „Das ganze Leben liegt vor dir“ erzählte er – 2008 – von den prekären Lebensverhältnissen junger Akademiker, die in einem Callcenter arbeiten müssen, wo ihnen der Betrug als Überlebensstrategie beigebracht wird. „La prima cosa bella“ war ein Film über das Scheitern der Kleinfamilie an tradierten Strukturen. Für „Die süße Gier“ (2014) wählte Virzì das Milieu der kriminellen Börsenspekulanten, die mit dem Niedergang Italiens das große Geld machen. Valeria Bruni Tedeschi lieferte in diesem Film die Charakterstudie einer Millionärin, die sie in „Die Überglücklichen“ als verrückte Gräfin boshaft auf die Spitze treibt. Nur Virzìs Stil ist gefälliger geworden. Das könnte auch mit seiner Übersiedlung nach Hollywood zu tun haben. Bereits dieses Jahr kommt sein erster US-Film in die Kinos. In „The Leisure Seeker“ unternehmen Helen Mirren und Donald Sutherland als Ehepaar einen Roadtrip – ins Disney-Land.

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