Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.01.2017


Kino

Starke Mädchen kommen überall hin

In Stefan Ruzowitzkys Action-Thriller „Die Hölle“ kommen sich ein kruder Kieberer und eine taffe Taxlerin in einem gänzlich finsteren Wien näher.

© Allegro FilmKommissar Christian Steiner (Tobias Moretti) und Taxifahrerin Özge Dogruol (Violetta Schurawlow) sind einem Serienmörder auf der Spur.



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Ein verrückter Serienmörder mit religiösem Wahn zieht „sündigen“ Frauen die Haut ab und lässt sie aus Sühnezwecken heißes Öl schlucken. Eine gleich wortkarge wie schlagkräftige Taxifahrerin bekommt den Killer zufällig zu Gesicht – und rückt fortan ins Visier des Psychopathen, der nichts unversucht lässt, um seine Opferstatistik nach oben zu schrauben. Doch so leicht lässt sich die taffe Taxlerin nicht himmelwärts schicken und an die Hölle hat sie sowieso nie geglaubt. Und so wird aus dem Jäger bald ein Gejagter und werden die Straßen von Wien zum blutgetränkten Rachepflaster.

Regisseur Stefan Ruzowitzky, der vor nunmehr neun Jahren für sein Drama „Die Fälscher“ mit dem Auslands-Oscar geadelt wurde, zeigt in seinem Action-Thriller „Die Hölle“ die Walzerstadt als finsteren Großstadt-Sumpf, in dem Prostitution auf Korruption prallt und selbst bei Tageslicht ein düsterer Schimmer über der Donau schwebt: In diesem Wien will man nicht ohne Pfefferspray aus dem Haus gehen. Denn auf die Polizei ist hier zunächst auch nicht viel Verlass: Anstatt der Zeugin zu helfen, will der ermittelnde Kommissar von der Hobby-Thaiboxerin nämlich nur wissen, ob „Türkenboxen eigentlich lustig ist“. Özges Antwort kommt ohne Worte aus – aber wenn Blicke töten könnten, dann hätte der Kieberer jetzt ein Problem.

Mit „Die Hölle“ wollte Regisseur Ruzowitzky den „schnellsten und härtesten österreichischen Thriller aller Zeiten“ drehen, wie er zu Drehbeginn der fünf Millionen schweren Produktion versprach. Schnell und hart ist „Die Hölle“ dann auch geworden – Autos fliegen durch die Luft und gehen in Flammen auf, Kehlen werden angebohrt und durchgeschnitten und in der U-Bahn haut man sich beim Katz-und-Maus-Spiel die Schädel ein. Aber „Die Hölle“ ist nicht nur Action, sie will auch Familiendrama und Lovestory sein – was den Plot (Drehbuch: Martin Ambrosch) streckenweise unentschlossen wirken lässt.

Durchwegs stark ist die schauspielerische Leistung: Hauptdarstellerin Violetta Schurawlow besticht als wortkarge Stehauf-Amazone Özge, die mit eindringlichem Blick und zusammengeflicktem Körper auf Rache sinnt und trotzdem nicht als ferngesteuerte Kampfmaschine rüberkommt. Als Bösewicht tritt Hollywood-Ägypter Sammy Sheik in Aktion, der zu Recht auf die Bad-Boy-Rollen abonniert ist. Dass sein Serienkiller bei den Taten den Koran als mörderischen Leitfaden angibt, ist problematisch – wird aber von Özge relativiert. „Das ist ein Irrer, kein wahrer Muslim würde so etwas tun“, meint sie.

Tirol-Premiere:

Am Montag (20.15 Uhr) findet im Innsbrucker Metropol-Kino die Tirol-Premiere von „Die Hölle" statt. Regisseur Stefan Ruzowitzky und die beiden Hauptdarsteller Violetta Schurawlow und Tobias Moretti stellen den Film vor. Kinostart ist am 19. Jänner.

Die besten Szenen spielen sich aber in einer abgewrackten Altbauwohnung ab, die Kommissar Christian Steiner (Tobias Moretti) mit seinem demenzkranken Vater (Friedrich von Thun) und einem in die Jahre gekommenen Schäferhund bewohnt. Hier weicht „Die Hölle“ liebevoll vom Thriller-Weg ab und macht sich damit irgendwie selbst Konkurrenz, weil das Vater-Sohn-Gespann so fesselt, dass man fast auf die Mörderjagd vergisst. Hier entspinnt sich aber auch die zarte Lovestory zwischen dem kruden Kommissar und der taffen Taxlerin – zwei einsam gewordenen Seelen, die beide ihre Schicksalspackerln zu tragen haben. Manchmal ist Leid ein guter Liebes-Ankurbler.

Einen zweiten Oscar wird Ruzowitzky für „Die Hölle“ nicht bekommen. Aber auf ein Goldmännchen zielt der Film auch nicht ab. Schnell, hart, österreichisch wollte er sein. Mission erfüllt.