Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.01.2017


Film und TV

Trauerarbeit im Tiefschnee

In „Krieg“ spielt Ulrich Matthes einen trauernden Vater, den im Gebirge weiteres Unheil erwartet. Gedreht wurde der TV-Film in den vergangenen Wochen im Wipptal.

Regisseur Rick Ostermann (rechts) machte dem deutschen Schauspielstar Ulrich Matthes die Hauptrolle in "Krieg" mit einen langen Brief schmackhaft. Einen genauen Sendetermin für den Film gibt es noch nicht.

© WDR/Schiwago FilmRegisseur Rick Ostermann (rechts) machte dem deutschen Schauspielstar Ulrich Matthes die Hauptrolle in "Krieg" mit einen langen Brief schmackhaft. Einen genauen Sendetermin für den Film gibt es noch nicht.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Schnee kam gerade rechtzeitig. Wie bestellt, am ersten Drehtag des TV-Films „Krieg“, der in den vergangenen Wochen in Navis, auf der nahe gelegenen Peeralm sowie in Trins und im Valsertal gedreht wurde. „Der Wettergott hat es gut mit uns gemeint“, sagt Regisseur Rick Ostermann. Beinahe zu gut sogar: „So viel Schnee hätte es gar nicht gebraucht. Aber es erleichtert die Arbeit, wenn die Atmosphäre stimmt“, so Ostermann, der bereits im Vorjahr Teile seines Kinoprojekts „Lysis“ in Tirol gedreht hat.

Ein Drama, das zum Thriller wird, soll „Krieg“ – eine von der Cine Tirol unterstützte Produktion des Westdeutschen Rundfunks und der Berliner Schiwago Film – werden. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jochen Rausch. Darin geht es um Trauerarbeit: Nachdem er vom Tod seines Sohnes in einem Kriegsgebiet erfahren hat, zieht sich Arnold zurück in die Berge, wo ihn weiteres Unheil erwartet. Ostermann, dessen Debütfilm „Wolfskinder“ 2013 mehrfach ausgezeichnet wurde, war von dem Buch beeindruckt. „Die Frage, wie Eltern mit dem Verlust eines Kindes umgehen, das sich freiwillig für einen Militäreinsatz gemeldet hat, hat mich schon länger beschäftigt. Ich suchte nach einer Möglichkeit, eine solche Geschichte zu erzählen. Nach der Lektüre des Romans sah ich sie.“

Und seinen idealen Arnold hatte Ostermann auch schnell vor Augen: „Ich hatte Ulrich Matthes schon im Kopf, als ich gemeinsam mit der Autorin Hannah Hollinger am Drehbuch arbeitete.“ Deshalb habe er Matthes – vielfach preisgekrönter Charakterschauspieler, der spätestens seit seiner Darstellung von Joseph Goebbels in „Der Untergang“ zu den ganz Großen seiner Zunft gehört – einen langen Brief geschrieben, um ihn für das Projekt zu begeistern. Und Matthes erklärte sich prompt zu einem Treffen bereit. „Wir trafen uns – und schnell war klar: Ulli ist an Bord. Das hat das Projekt zusätzlich angeschoben.“

Diese Form der Anfrage komme öfter vor, „als man denkt“, gesteht Matthes. Aber nicht immer kommt die Zusammenarbeit auch zustande. „Die Chemie zwischen dem Regisseur und mir muss stimmen. Wenn mir jemand nicht sympathisch ist, sage ich lieber nicht zu. Einen Schauspielkollegen, den man doof findet, nimmt man vielleicht in Kauf, aber bei einem Regisseur muss es passen.“ Letztlich sei es aber die Intensität der Rolle gewesen, die ihn reizte. „Entdecke ich die während der Auseinandersetzung mit dem Drehbuch, sage ich fast immer zu. Ganz unabhängig davon, wie groß die Rolle ist“, sagt Matthes – und nutzt das kurze Pressegespräch in einer Drehpause, um einige Klischeevorstellungen zu zerlegen. Er wisse, dass Journalisten von Schauspielern gerne hören, dass sie zum Wolf würden, wenn es gilt, einen Wolf zu spielen. Bei ihm sei das aber nicht der Fall: „Wenn ich solche Aussagen von Kolleginnen und Kollegen in Talkshows höre, klingt das für mich verdächtig nach Wichtigtuerei.“ Für ihn habe der Beruf, auch in seinen Extremen, viel mehr mit gutem Handwerk zu tun, „mit der Fähigkeit, sich zu konzentrieren, und der Fähigkeit, zu spielen.“ In den Phasen des Spiels lasse er sich auf das, was es zu spielen gilt, ein, sei ganz in der Situation. Spätestens, wenn man nach Drehschluss zusammensitze, sei er aber wieder der Ulrich und nicht Arnold, der mit seinen Traumata ringt. Nur zwei Rollen hätte er nicht so einfach abstreifen können, erklärt Matthes. „Als ich Goebbels und kurz darauf in Volker Schlöndorffs ,Der neunte Tag‘ einen KZ-Häftling spielte, war es mir unmöglich, einfach abzuschalten. Die Rollen waren extrem, sie ließen sich nicht einfach abstreifen. Etwas pathetisch gesagt: Angesichts des Leids der Opfer dieser Nazibande ist es mir nicht zugestanden, abends bei einem Bierchen oder einer Apfelschorle Jux und Tollerei zu machen. Bei allem Respekt vor der Figur, so eine Rolle spiele ich in ,Krieg‘ nicht.“

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Arnold freilich sei ein sehr reizvoller Charakter: „Er ist introvertierter als ich, stiller. Ich bin – ganz ungeschützt gesagt – cholerischer. Mit seiner Familie lebte er in einem geschützten Kokon. Dann schlug das Schicksal zu. Dass er auf die Aggression, die er erfährt, mit Aggression reagiert, scheint ihn selbst zu überraschen. Diese Entwicklung von dunkelgrün nach hellrot ist spannend. Sie zu spielen, eine äußerst anregende Herausforderung.“


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