Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.03.2017


Kino

„Elle“: Erotische Obsessionen

Isabelle Huppert gewann für ihre intelligente und mutige Darstellung eines Vergewaltigungsopfers in Paul Verhoevens Erotik- und Sozialsatire „Elle“ den César.

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© filmladen



Von Peter Angerer

Innsbruck – Statt des üblichen Schwarzfilms ist eine schwarze Katze zu sehen, die sich mit glühenden Augen aus der Dunkelheit schält und eine Gewaltszene beobachtet, die akustisch bald als brutale Vergewaltigung identifizierbar ist. Geschirr zerbricht, ein Körper wird auf den Boden geschleudert. Als sich die Katze in diskreter Erhabenheit zurückzieht, wendet sich die Kamera dem Verbrechen zu. Michèle Leblanc (Isabelle­ Huppert) krümmt sich auf dem Parkett, Blut rinnt über ihre Schenkel, während sich der vermummte Vergewaltiger mit einer letzten Geste der Verachtung die Hose hochzieht und durch die Verandatür verschwindet. Michèles erste Sorge gilt der Ordnung. Sie kehrt die Porzellanscherben zusammen, entsorgt ihr Kleid im Mülleimer und nimmt ein Bad. Den blutigen Schaum wischt sie wie einen Albtraum zur Seite. Anderntags fliegt ein Vogel als böse Vorahnung gegen die Scheibe der Verandatür – ein gefundenes Fressen für die Katze.

Michèle vermutet ihren Peiniger zuerst einmal unter den Programmierern und Designern in ihrem Computerspiel-Unternehmen, das sich auf besonders gewalttätige Fantasien spezialisiert hat. An diesem Tag müssen Michèle und ihre Partnerin Anna (Anne Consigny) den Höhepunkt eines neuen Spiels abnehmen, bei dem ein Monster mit seinen Tentakeln in jede nur mögliche und unmögliche Körperöffnung einer Frau eindringt. Für Michèle müsste die Szene „orgiastischer“ ausfallen, um die Spieler an ihren Joystick zu fesseln. Andererseits kursieren intern bereits Kopien dieses Spiels, bei denen das Opfer als Michèle zu erkennen ist. Am Abend hat sich Michèle mit ihrem Ex-Mann Richard (Charles Berling), ihrer Teilhaberin und deren Ehemann Robert (Christian Berkel) zu einer kleinen Feier verabredet. Der Kellner möchte den Champagner öffnen, doch Michèle unterbricht die Zeremonie für eine Ankündigung. „Ich wurde überfallen“, sagt sie, „vielleicht vergewaltigt.“ Noch könnten Richard wie Robert als Täter in die engere Wahl gezogen werden, doch die Vorteile des diskreten Charmes der Bourgeoisie liegen im Vermeiden peinlicher Momente, weshalb Michèles Geständnis, auf eine Anzeige bei der Polizei verzichtet zu haben, bei den Anwesenden die größte Verblüffung auslöst.

In diesem Moment ist zu erahnen, wie sich beim unsichtbaren Auge der Kamera die Brauen staunend nach oben ziehen, schließlich sind irritierende Einblicke in die Abgründe der bürgerlichen Existenz dieser unheimlichen Frau zu erwarten. Die Kamera, von voyeuristischer Lust getrieben, wird sich keine Sekunde entgehen lassen.

Als Zehnjährige wurde Michèle Zeugin und damit Opfer des Amoklaufs ihres Vaters, der in einer Nacht 27 Menschen tötete, seither musste sie Haltung und Härte demonstrieren, um den Anfeindungen in der Öffentlichkeit gewachsen zu sein. Mit diesem Schutzpanzer übersteht die abgebrühte Geschäftsfrau auch die Zumutungen des Lebens. Ihre Mutter möchte einen jungen Gigolo heiraten, ihr labiler Sohn freut sich über ein auf den ersten Blick erkennbares Kuckuckskind, die menschliche Komödie runden die eben zugezogenen bigotten Nachbarn auf groteske Weise ab. Als Gäste auf Michèles Weihnachtsparty stören sie mit dem Wunsch nach der Übertragung der Mitternachtsmette mit Papst Franziskus die Stimmung. Wenn sich Robert der Gastgeberin in eindeutiger Absicht nähert, schiebt Michèle vorausschauend einen Mülleimer zwischen sich und den erregten Mann, um die Lava der erbärmlichen Begierde entsorgen zu können. Auch der Vergewaltiger ist bald enttarnt, doch sein Opfer weigert sich, den Erwartungen zu entsprechen. Paul Verhoevens Sympathie gehört ohnehin den Frauen, denen er ein optimistisches „Casablanca“-Finale auf dem Friedhof gönnt. Die Männer, gefangen in Eitelkeit, moralischen und sozialen Defiziten, sind tot oder geben sich dem Alkohol hin, eine wunderbare Freundschaft kann beginnen.

Nach einer wechselvollen Karriere zwischen Holland und Hollywood und 25 Jahre nach dem Welterfolg mit seinem Erotikthriller „Basic Instinct“ widmet sich Verhoeven wieder erotischen Obsessionen, die in „Elle“ nicht lange hinter Symbolen verborgen bleiben.

Glücklicherweise weigerten sich die US-Stars nach der Lektüre des Drehbuchs – nach dem Roman von Philippe Djian – Michèle zu spielen und machten so den Weg frei für die zurzeit komplexeste Darstellerin. Wie Isabelle Huppert mit ihrer intelligenten und mutigen Schauspielkunst die biografischen Risse ihrer Figur vernäht, brachte ihr am Wochenende den César ein. Die entsprechende Würdigung in Hollywood dürfte wohl an der ironischen Beschreibung der Welt gescheitert sein. Von lauter Monstern umgeben ist Michèle die einzige menschliche Figur in diesem Panoptikum. „Elle“ ist wahrscheinlich jener Film, von dem Alfred Hitchcock immer geträumt hat.