Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.05.2017


Film und TV

Sehnsucht nach Stummfilmen beim Film Festival Innsbruck

Beim morgen Dienstag beginnenden 26. Internationalen Film Festival Innsbruck (IFFI) überraschen Debütfilme, deren Regisseure nur der Macht der Bilder vertrauen.

© schwärzlerIn einer Villa über Innsbruck: Stipe Erceg, 2004 in Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ noch Einbrecher, spielt in „Home is here“ den Millionär Max.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Als Jirí Menzel 1968 für seine Komödie „Scharf beobachtete Züge“ den Auslandsoscar gewann, standen ihm alle Studiotüren offen, doch Menzel wollte in der Tschechoslowakei bleiben, wo sich mit dem Prager Frühling Veränderungen ankündigten. In dieser Aufbruchsstimmung realisierte er die Satire „Lerchen am Faden“ über die Machtergreifung des kommunistischen Regimes von 1949, doch die Panzer der Warschauer Paktstaaten blockierten die Straßen Prags. Die Satire verschwand in den Archiven und gewann dennoch in Berlin den Goldenen Bären – 1990.

Von dieser ironischen Wendung erzählt Robert Kolinsky im Dokumentarfilm „To Make a Comedy is no Fun“, der morgen Dienstag das 26. Internationale Film Festival Innsbruck (IFFI) im Leokino eröffnet. Menzel kommt als Stargast des Festivals, das ihn mit fünf Filmen feiert. Eine andere kleine Werkschau ist dem 2016 verstorbenen iranischen Regisseur Abbas Kiarostami gewidmet.

Möglicherweise vom Blick auf Historie und Wirklichkeit dieser beiden Meister des Kinos inspiriert, haben die Programmierer der diesjährigen Wettbewerbe eine faszinierende Erzählung über die Gefahren entwickelt, denen sich Filmemacher aussetzen, wenn sie in repressiven Ländern arbeiten oder nur ihr Auskommen finden wollen.

Unheimliche Begegnungen und Bedrohungen in Teheran sind in Keywan Karimis Schwarzweißfilm „Drum“ allgegenwärtig.
- Keywan Karimi

Ein Mann öffnet die Tür zu seiner Wohnung und muss durch ein von Einbrechern verursachtes Chaos waten. Zwei Männer durchwühlen noch den Schreibtisch, einer von ihnen sagt zum Abschied: „Geben Sie uns das Paket und Sie haben Ruhe vor uns!“ Viel mehr wird in Keywan Karimis „Drum“ während der nächsten 90 Minuten nicht geredet werden. Wir werden auch nie wie bei Quentin Tarantinos Koffer in „Pulp Fiction“ erfahren, was sich in diesem Paket befindet. Aber es geht – in Teheran – um Leben oder Tod.

In einer anderen Stadt – der einzige Hinweis auf den Ort ist ein Linienbus mit dem Fahrtziel Olympisches Dorf – dringt eine junge Frau in eine Villa ein. Die Wände sind grau wie die Garderobe und die Bücher des scheinbar alleinstehenden Bewohners. Als der Mann in sein Haus zurückkehrt, interpretiert er kleine Veränderungen in seinem Haus als erotische Botschaft. In Tereza Kotyks eisig grauem Film „Home is here“ werden vielleicht zwanzig Sätze gesprochen, es geht weniger um Tod oder Leben denn um eine Studie über Einsamkeit und Langeweile.

„Drum“ und „Home is here“ sind wie „Anishoara“ von Ana-Felicia Scutelnicu, die sich um Innsbrucker Filmpreise bewerben, Debütarbeiten, die für ihre Geschichten die Bildsprache des Stummfilms verwenden. Aber nur bei Keywan Karimi ist die existenzielle Notwendigkeit zu spüren, dass es nicht nur im Film um Leben oder Tod geht.

In seinem einstündigen Dokumentarfilm „Writing on the City“ erzählte Karimi die Geschichte Teherans von der Revolution von 1979 bis zur Gegenwart über die in der Stadt gefundenen politischen Graffiti. Für diese Fundstücke wurde der Regisseur 2015 von einem Revolutionsgericht zu 223 Stockhieben und sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem halben Jahr in Haft wurde Karimi begnadigt. Ohne Geld und Genehmigung drehte er „Drum“. Das könnte auch ein düsterer Gangsterfilm sein, doch mit diesem Wissen ist der Inhalt des Pakets zu erahnen.

Glücklicherweise verließ der Musiker Mohsen Namjoo rechtzeitig den Iran, so dass er 2009 nur in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft „wegen Verunglimpfung des Korans“ verurteilt werden konnte.

In Babak Jalalis Film „Radio Dreams“ spielt er den Dichter Royani, der in San Francisco bei einem Radiosender für Exil-Iraner arbeitet. Da es vor allem um Geld geht, werden seine Beiträge über die Verhältnisse im Iran ständig von bizarrer Werbung unterbrochen. Im Studio wartet außerdem die afghanische Band Kabul Dreams auf das Eintreffen der Kultband Metallica, die für die Welt ungefähr das darstellt, was Kabul Dreams für Afghanistan bedeutet. Das klingt nach einem endlosen Fake-Gag, doch irgendwann taucht Lars Ulrich auf – Fans wissen, was das heißt.