Letztes Update am Sa, 03.06.2017 08:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

“Die Migrantigen“: Fatale Rollenspiele mit Fremden

Der Regisseur Arman T. Riahi und die beiden Schauspieler Aleksandar Petrovic´ und Faris Rahoma touren mit ihrer Komödie „Die Migrantigen“ durch Österreich. Ab 9. Juni läuft der Film in den Kinos.

© Luna FilmFaris Rahoma als Schauspieler mit Migrationshintergrund und Aleksandar Petrovic´ als überintegrierter Designer in „Die Migrantigen“.



Innsbruck — Wieder einmal hat Benny (Faris Rahoma) für das Casting die falsche Rolle des Österreichers gelernt, doch der Regisseur (Josef Hader in einem feinen Cameo-Auftritt) sieht ihn als arabischen Taxifahrer. Bennys Widerstand gegen das Klischee wird als Renitenz interpretiert. Der Gastarbeitersohn Marko Bilic (Aleksandar Petrovic´) könnte mit „Ethno-Marketing" irgendwo zwischen „Jugo- oder Tschutschenhaftem" das große Geld machen, doch Skrupel und Stolz treiben den angepassten Werber in die Hände von Geldeintreibern. Die Rettung naht in der Person der TV-Redakteurin Marlene Weizenhuber (Doris Schretzmayer), die für ein Reality-Format nach hartgesottenen Kleinkriminellen sucht, um sich ein paar Brösel aus der Medientorte brechen zu können. Benny und Marko verwandeln sich in den Ägypter Omar Sharif und den Ex-Jugoslawen Tito, die durch mehrjährige Knasterfahrungen gestählt das fiktive Wiener Grätzel Rudolfsgrund als Zuhälter und Eintreiber von Schutzgeldern kontrollieren. Mit seinem Spielfilmdebüt „Die Migrantigen" tourt Arman T. Riahi vor dem Kinostart in der kommenden Woche gerade durch Österreich. Das Drehbuch hat er mit seinen beiden Hauptdarstellern und Komplizen Faris Rahoma und Aleksandar Petrovic´ geschrieben.

Es gibt dieses Spiel „Erzählen Sie Ihren Lieblingsfilm in einem Satz!" Zwei Männer verkleiden sich auf der Flucht aus ihrer alten Welt, da denkt man auch an „Manche mögen's heiß!".

Arman T. Riahi: Das Subgenre der Verwechslungskomödie haben wir nicht erfunden. „Some like it hot" war aber der erste Film, den wir uns angesehen haben, als wir begonnen haben, das Drehbuch zu schreiben. Das ist eine großartige Komödie mit einem Superende und was soll man noch zu Billy Wilder sagen?

Wilder war Migrant wie Sie. Sie waren zwei Jahre alt, als Ihre Familie 1983 aus dem Iran flüchtete. Gibt es so etwas wie eine iranische Humortradition?

Riahi: Der Humor ist im Iran die einzige Waffe gegen die Unterdrückung oder das Regime. Der Humor hilft den Menschen, sich im alltäglichen Leben Luft zu verschaffen. Ich habe noch keine Kultur gesehen, in der Witz und Lachen so wichtig sind. Man darf natürlich nicht in der Öffentlichkeit systemkritische Witze erzählen.

Ihre Helden schlüpfen nicht in Frauenkleider, sondern in die Kostüme und in den Slang von Gangstern mit Migrationshintergrund, bis sie nach den Irrungen und Wirrungen der Selbstverleugnung zur Besinnung kommen.

Riahi: Sie erkennen, dass das, was sie gehabt haben, eigentlich etwas ist, das sie bereichert. Die prinzipielle Verwechslung und Umkehrung, auf der unser Film und die ganze Geschichte basiert, die zwei Menschen sind zu integriert und zugleich nicht integriert genug. Sie könnten als Österreicher durchgehen, wären da nicht der Name oder die schwarzen Haare.

Sind das Erfahrungen, die Sie als Schauspieler in das Drehbuch einbringen konnten?

Aleksandar Petrovic´: Es hat Themen gegeben, die wir im Film haben wollten. Wir spielen halt ganz oft Zuhälter,

Faris Rahoma: Verbrecher ...

Petrovic´: ... was auch gar nicht schlecht ist. Es ist für jeden Schauspieler schwer, in diesen Kreis hineinzukommen und sich zu etablieren. Man ist ja auch froh, wenn man diese Nische hat, dann macht man das, aber manchmal will man auch mehr machen. Diese Kritik steckt im Film. Wir haben ganz verschiedene Geschichten. Der Arman ist ein Flüchtlingskind, der Fares ist halb Steirer, halb Ägypter. Ich bin das klassische Gastarbeiterkind, meine Eltern sind in den 60er-Jahren aus Jugoslawien gekommen. Da wollten wir bewusst zeigen, dass wir Österreicher spielen können. Es kommt einem das Kotzen, wenn man nur mit Akzent spielen darf. Ich kann akzentfrei Deutsch sprechen.

Rahoma: Interessant wird, was nach diesem Film passiert. Der Aleksandar und ich haben Rollen für eine große Krimiserie angeboten bekommen. Die haben gefragt, ob ich den Jugo spielen würde und ich habe geglaubt, die haben sich geirrt und wollten den Sascha haben. Ich bin eher der Steirer und der Ägypter. Nein, passt schon, haben die gesagt, das kriegst du hin. Jetzt wird es spannend, bekomme ich einen Österreicher angeboten oder den arabischen Terroristen und bin wieder in einer Schublade? Ist mir aber mittlerweile auch egal. Ich will spielen.

Fast alle Figuren suchen ihr Glück — auch das erotische — in Rollenspielen, die bisweilen in gewagten Eskapaden enden.

Riahi: Die beiden Hauptfiguren müssen eine Erwartungshaltung erfüllen, die Öffentlichkeit und Medien an sie stellen. Das ist das, was wir als Filmemacher kritisieren. Die Marlene hat für ihren TV-Sender eine Quote zu erfüllen, muss nach der besten Geschichte suchen, die sich am besten verkaufen lässt. Das kann man auf alles umlegen, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen, wie jeder etwas spielt, ständig mit einer Erwartung umgehen muss.

Wie der Andere, der Fremde wahrgenommen wird, haben Sie schon in Ihren Dokumentarfilmen thematisiert, die der Realität folgend ein pessimistischeres Bild der Welt gezeichnet haben. Für „die Migrantigen" haben Sie sich für die Komödie entschieden.

Riahi: Dieses Thema wäre als Dokumentarfilm nicht umzusetzen gewesen. Man kann sich den Film anschauen und hat 95 Minuten gute Unterhaltung und Lachen. Die Komödie gibt mir die Möglichkeit, die Welt und die Parameter dieser Welt so zu gestalten, dass sie der Geschichte, die ich erzählen will, am besten entsprechen. Meine Dokumentarfilme über gesellschaftliche und politische Probleme verfolgen natürlich einen anderen Zweck, aber was uns aufgefallen ist, dass das Thema Integration, Zuwanderung und Migration den Leuten schon extrem zum Hals raushängt. Die Leute reagieren schon fast allergisch darauf. Unser Trick war, das Thema als Komödie zu schreiben. Mit Humor können wir ihnen viel eher den Spiegel vorhalten, ohne dass sie uns böse sind.

Sie ziehen ja alle Bereiche des öffentlichen Lebens durch den Kakao: die Flüchtlingshelferin, die beim Anblick eines vermeintlichen syrischen Flüchtlings erschauert, die TV-Redakteurin, die in die dunkelsten Abgründe der Unterwelt schauen will.

Riahi: Diese Realität ist nicht erfunden. Medien müssen verkaufen, das ist nicht abwegig. Aber die Redakteurin ist auch nicht die Böse. Wir haben beim Film bewusst auf Schwarz und Weiß verzichtet.

Das Böse hält sich auch im Grätzel in Grenzen.

Riahi: Ich muss schon sagen, dass wir in Österreich noch auf einer Insel der Seligen leben. Es gibt die total Integrierten, die unsichtbar geworden sind. Es gibt die, die einmal in ihrem Leben, sagen wir, Scheiße gebaut haben und ihr ganzes Leben darunter leiden. Es gibt die Leute, die hart arbeiten und mit den anderen über einen Kamm geschert werden. Es gibt viele Nuancen des Migrationshintergrunds und das wollten wir mit unserem Film zeigen.

Das Gespräch führte Peter Angerer


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