Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.06.2017


Filmkritik

„Aquarius“: Der Kampf gegen Termiten und Metastasen

Kleber Mendonça Filho liefert mit seinem gefeierten Spielfilm „Aquarius“ eine Zustandsbeschreibung der brasilianischen Gesellschaft.

Im Archiv der Korruption: Sônia Braga sucht als Clara nach belastenden Akten über Spekulanten in der Küstenstadt Recife.

© AlphavilleIm Archiv der Korruption: Sônia Braga sucht als Clara nach belastenden Akten über Spekulanten in der Küstenstadt Recife.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Zur Legitimierung der Unterdrückung hatten die Militärregime Lateinamerikas die US-amerikanische Doktrin der „nationalen Sicherheit“ übernommen. Wenn sich in einem Land Protestbewegungen gegen Korruption und wirtschaftlichen Niedergang formierten, wurden nicht die Nutznießer dieses Systems bekämpft, sondern jene, die auf den Straßen mit den Fingern auf die kriminellen Wunden zeigten. „Es herrscht Ruhe im Land“ heißt ein Film von Peter Lilienthal über die Auswirkungen des Militärputsches in Chile. Die gelehrigsten Schüler in den US-amerikanischen Militärakademien waren jedoch die Generäle, die 1964 in Brasilien die Macht an sich rissen und bis 1985 regierten.

Zumindest in Recife und besonders an diesem Abend des Jahres 1980 ist von der Militärdiktatur nichts zu spüren. Die Großfamilie feiert den 70. Geburtstag Tante Lucias, die sich während der Reden und Lieder lieber an erotische Höhepunkte auf einzelnen Möbelstücken erinnert. Ihre Nichte Clara (Bárbara Colen) macht einen Umweg über den nahen Strand, aber die Verspätung ist keine Unhöflichkeit. Nach ihrer Brustkrebserkrankung hing ihr Leben an einem seidenen Faden, die günstige Prognose für die Zukunft ist Anlass für einen zweiten Toast. In diesem ausführlichen Prolog legt Kleber Mendonça Filho alle Netze und emotionalen Erzählstränge aus, die in seinem Familiendrama „Aquarius“ als Allegorien die aktuelle Stimmung in Brasilien definieren.

Mit einem Schnitt ist Clara (Sônia Braga, die Spinnenfrau in Héctor Babencos „Kuss der Spinnenfrau“) in der Gegenwart angekommen. Die Witwe schlüpft aus ihrem Kleid, die Operationsnarbe an ihrer rechten Brust hat sie keinem plastischen Chirurgen anvertraut. Diese Narbe lässt mögliche Liebhaber zurückschrecken, doch Clara verfügt über Kontakte und Geld, um in einsamen Stunden einen Callboy zu engagieren, der professionell darüber hinwegsieht. Beunruhigender sind die Besuche der Eigentümer einer Baugesellschaft, die Claras Wohnanlage aufgekauft hat. Es ist ihre Eigentumswohnung, die ein gigantisches Spekulationsobjekt verhindert. Die anderen Mieter und Eigentümer haben längst das Weite gesucht, nur Clara widersteht den durchaus attraktiven Angeboten. Die ehemals berühmte Musikkritikerin könnte sich sogar verbessern und mit einer Wohnung in „The New Aquarius“ rechnen. Auch Diego (Humberto Carrão), der an einer US-amerikanischen Universität gerade sein Wirtschaftsstudium absolviert hat, hinterlässt keinen ungünstigen Eindruck, schließlich ist dieses Bauprojekt seine erste Bewährungsprobe im Konzern des Großvaters. Aber Clar­a liebt ihre mit Erinnerungen aus Mahagoni und Vinyl angefüllte Wohnung. Claras Widerstand, der nicht einmal von ihrer Familie verstanden wird, setzt eine Dynamik in Gang, die mit nächtlichem Terror beginnt und mit der Zerstörung des Hauses endet. Diego, der neue, amerikanische Erkenntnisse im Umgang mit Menschen und Wirtschaft versprochen hat, lässt Termiten aussetzen, die sich – wie Meta­stasen durch einen Körper – durch „Aquarius“ fressen. Diesen Kampf hat Clara aber schon einmal gewonnen.

Kleber Mendonça Filhos Zustandsbeschreibung der brasilianischen Gesellschaft wurde vor einem Jahr beim Festival in Cannes uraufgeführt – nach der Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff. Regisseur und Darsteller inszenierten auf der Festivalbühne eine Solidaritätskundgebung. Zum Kinostart wird in Brasilien schon wieder gegen Korruption demonstriert.