Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.06.2017


Kino

Ein düsterer Schatten der Vergangenheit

Der Mythos einer Kinodiva im Schrebergarten: Catherine Deneuve und Catherine Frot in Martin Provosts „Ein Kuss von Beatrice“.

© ThimfilmDer Mythos einer Kinodiva im Schrebergarten: Catherine Deneuve und Catherine Frot in Martin Provosts „Ein Kuss von Beatrice“.



Innsbruck – Obwohl der Portugiese Manoel de Oliveira (1908–2015) einer von Catherine Deneuves bevorzugten Regisseuren war, wollte sie 2006 in dessen Fortschreibung von Luis Buñuels „Belle de Jour – Schöne des Tages“ nicht mitspielen, weshalb Bulle Ogier in „Belle toujours“ für den Star einsprang, um die Geschichte der ehemaligen Amateurprostituierten Séverine 40 Jahre später zu erzählen. Dabei schreckt die Diva bei anderen Auftritten nicht davor zurück, an ihrem Image zu kratzen. Nach ihren 125 Filmen wissen Regisseure – und seit einigen Jahren immer mehr Regisseurinnen –, dass sie mit Deneuve auch einen Mythos engagieren, der jede Rolle und Geschichte überstrahlt.

In Martin Provosts „Ein Kuss von Beatrice“ ist Catherine Deneuve die Titelheldin, die als Schatten aus der Vergangenheit in das Leben der Hebamme Claire (Catherine Frot) eindringt, um schmerzhafte, 40 Jahre zurückliegende Ereignisse zu klären. Claire war noch ein Kind, als Beatrice die Geliebte ihres Vaters wurde. Doch der Schwimmolympiasieger war ein Mann, der sich nach dem einfachen Leben auf dem Land sehnte, während Beatrice die mondäne Halbwelt bevorzugte. Diesen Konflikt beendete Beatrice durch Flucht, der Zurückgelassene wählte in seiner Verzweiflung den Selbstmord und machte damit Claire zu einer unglücklichen Halbwaisen, deren Entscheidungen immer von diesem Ereignis beeinflusst waren. Nun möchte Beatrice als Akt der Wiedergutmachung aus der Hebamme eine reiche Frau machen. Nach der Diagnose Gehirntumor ist das Ende absehbar. Beatrice verweigert sich zudem einer Chemotherapie, um ihre Haare nicht zu gefährden. An dieser rührenden Geschichte ist allerdings außer der tödlichen Krankheit alles eine Erfindung und ein frivoles Spiel mit Catherin­e Deneuves Filmografie.

Was ist beispielsweise aus ihrer Cathy geworden, die sie in Jean-Pierre Melivilles Gangsterfilm „Un Flic“ 1972 neben Alain Delon spielte? Neben biografischen Lücken wird in den Erzählungen der Abenteuerin daher bald ein Elend sichtbar, an das in den Thrillern der 70er-Jahre nie ein Gedanke verschwendet worden war. Daher verfügt Beatrice, die ihrem Lebensunterhalt in dubiosen Hinterzimmern mit illegalen Wetten nachjagt, über keine Sozialversicherungsnummer. Die Relikte aus besseren Zeiten können nicht über Bea­trices Status der Obdachlosen hinwegtäuschen. Aber auch Claire, die seit 30 Jahren ihre Beiträge bezahlt hat, steht vor dem Nichts. Sie möchte mit einem Kredit die Therapie der Todkranken finanzieren, doch die Bank weiß längst von der Abwicklung der Geburtsstation, im Gesundheitssystem zählen nur noch Effizienz und Rentabilität. Martin Provost, der mit dem Künstlerinnenporträt „Séraphine“ bekannt wurde, lässt die unterschiedlichen Lebenskonzepte aufeinanderprallen. Allerdings kann Catherine Frots Claire in ihrer Schrebergartenwelt gegen den Deneuve-Mythos nichts ausrichten. (p. a.)

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