Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.06.2017


“Neo Rauch“

Der Maler, seine Sammler und Albträume

Nicola Graef porträtiert in ihrem Dokumentarfilm „Neo Rauch – Gefährten und Begleiter“ einen der meistgeschätzten deutschen Künstler.

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© Filmladen



Innsbruck – Ein Mann wuchte­t eine bespannte Leinwand (etwa 3 x 4 Meter) auf eine Bühne, brüllt nach seinen „30 Assistenten“. Endlich lehnt die Leinwand am gewünschten Platz und der Maler zeigt sich. Neo Rauch drückt in seinem Atelier in einer aufgelassenen Baumwollspinnerei in Leipzig mit festen Arbeitshandschuhen eine Farbtube leer, auch hier geht ihm kein Helfer zur Hand, und der Meister fragt sich: „Was mache ich nur falsch?“ Mit dieser Parodie auf Großunternehmer wie Jeff Koon­s eröffnet Nicola Graef ihr Filmporträt „Neo Rauch – Gefährten und Begleiter“, in dem es natürlich auch um das große Geld geht. Wie das so sei, wenn Sammler für ein Bild, die Farbe noch kaum getrocknet, eine Million Dollar bezahlten, fragt die Journalistin den Künstler. „Ich habe keine Beziehung zu Zahlen, deshalb bin ich fein raus“, sagt Rauch, aber der Preis verrat­e ohnehin nichts über den Wert. Einige der Bilder schenkt Rauch auch seiner ebenfalls malenden Ehefrau Rosa Loy, die auf vielen Bildern im Hintergrund als Beobachterin zu entdecken ist.

Nicola Graef besucht Rauch-Sammler in New York, Vicenza, Seoul oder Berlin, die sich in den düsteren, von somnambulen Figuren bewohnten Bildwelten suchen und sich dabei verirren müssen. Es ist Biografisches, Erlebte­s und Geträumtes, das Rauch in seinen Bilderzählungen zusammenbringt. Rauch, 1960 in Leipzig geboren, verlor, kaum ein paar Wochen alt, seine Eltern bei einem Zugunglück. Der für das Unglück verantwortliche Beamte wird auf einem gemalten Verarbeitungs­versuch zu einer bedrohlichen Figur, die Schicksal spielt. Er ist einer der „Gefährten und Begleiter“, die sich zu einer „penetranten Gefolgschaft“ formieren, „die nachts am Bett rüttelt“. Eine Albtraumwelt, in der Sammler gerne baden. (p. a.)




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