Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.06.2017


Film

“Die Mumie“ mit Tom Cruise: Alltägyptische Antiquitäten

Es wird finster: Tom Cruise gräbt „Die Mumie“ aus – und öffnet damit das Tor ins „Dark Universe“. Warum er das macht, sollte man besser nicht fragen.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Mitunter werden in Hollywood folgenreiche Entscheidungen nach einem simplen Motto getroffen: Das, was die anderen haben, wollen wir auch. Als George Lucas’ „Star Wars“ vor 40 Jahren bewies, dass man mit Weltraumschlachten Einspielrekorde brechen kann, holte US-Studio Paramount sein „Raumschiff Enterprise“ aus dem TV-Museum – und polierte es für „Star Trek“-Kinofilme auf. Im selben Jahr – 1979 – wurde selbst 007 ins All geschossen.

Aktuell begeistern sich die Traumfabrik-Entscheidungsträger für die Idee großer, im Idealfall zahllose Einzelfilme umfassende Erzähluniversen. Die inzwischen dem Disney-Imperium einverleibten Marvel-Studios machen seit gut einem Jahrzehnt vor, wie’s geht. Gesamteinspielergebnis der 15 bis dato veröffentlichten Filme: 10,3 Milliarden Euro. Mit den „Justice League“-Filmen zog Konkurrent Warner nach, schließlich hält das Studio die Rechte an Helden wie Bat- und Superman sowie Wonder Woman. Drei Filme gibt es bereits. Nummer vier, „Wonder Woman“, startet nächste Woche.

Sieht man den neuen Universal-Film „Die Mumie“ im Kino, bekommt man davor einen Trailer für „Wonder Woman“ präsentiert, auch der anstehende Marvel-Film „Thor: Tag der Entscheidung“ wird angekündigt. Und im Grunde ist auch „Die Mumie“ ein gut zweistündiger Trailer. Denn auch Universal will sein Film­universum. Schließlich hat das älteste Hollywood-Studio den ganzen Wahnsinn erfunden. Bereits in den 1940er-Jahren kreuzten sich die Wege der hauseigenen Horrorhelden: „Frankenstein trifft den Wolfs­menschen“ (1943) in „Draculas Haus“ (1945). Daran soll fortan angeknüpft werden: „Die Mumie“ ist der erste Schritt ins „Dark Universe“. Das Remake von „Frankensteins Braut“ (1936) ist bereits in Planung. Es gilt also, eine Welt zu etablieren, in der sich künftig die altbekannten Ungeheuer tummeln.

Dieser Aufgabe nimmt sich in „Die Mumie“ vornehmlich Erklärbär Russell Crowe an, der viel von „dem Bösen“ spricht, die eigene dunkle Seite mittels umständlicher Spritzenapparatur bändigt – und, natürlich, eine Geheimorganisation leitet, die am helllichten Tag Kreuzrittergrabstätten öffnen lässt, um Abseitiges zu erforschen und auszuschalten.

Auch Tom Cruise wird von Crowe – sein Rollenname soll, der spärlichen Spannung wegen, an dieser Stelle diskret verschwiegen werden – aufgeklärt. Cruise spielt eine für ihn typische Rolle. Diesmal heißt er Nick und gibt vor, aus Zynismus vom Soldaten zum Grabräuber geworden zu sein. In Wahrheit ist er natürlich nur ein Lausbub, der gern herumtollt. Solche „Tom-Cruise-Rollen“ spielt klarerweise kaum jemand besser als Tom Cruise.

Im Irak hat Nick ein geheimnisvolles Grab entdeckt. Darin: ein Sarkophag. Darin – tada – die titelgebende Mumie (Sofia Boutella). Einst eine adrette altägyptische Prinzessin, hat sie Vater und Mutter getötet, nachdem ihr ein neugeborenes Brüderchen den Weg zum Thron verwehrte. In ihrem Zorn huldigte sie Seth, eigentlich der Gott der Winde und des Chaos, hier – der Einfachheit halber – der Gott des Todes. Wenn schon, denn schon.

Dessen zerstörerische Kraft will sie nun im London der Gegenwart entfesseln. Warum sie das will, bleibt – wie so vieles – offen. Die Chancen auf eine Anstellung als Pharao sind nach wie vor gering. Und zur Superschurkin taugt sie auch so: Menschen sterben wie die Fliegen, Flieger krachen vom Himmel, London liegt in Schutt und Asche. Zur Seth-Beschwörung allerdings braucht sie Nick – und verflucht ihn flugs. Schließlich muss man einem Topstar wie Cruise auch etwas zu tun zu geben.

Insgesamt sechs Autoren – darunter auch Regisseur Alex Kurtzman und Oscarpreisträger Christopher McQuarrie („Die üblichen Verdächtigen“) – haben sich das Drehbuch zu diesem hirnrissigen Hindernisparcours ausgedacht. Allzu viel Sinnstiftendes ist ihnen nicht eingefallen. Ein schlüssiger Handlungsbogen lässt sich nur mit ungeheurem Wohlwollen ausmachen, Charakterentwicklung – Fehlanzeige.

Na ja: Cruise darf sich am Ende für seine Stichwortgeberin (Annabelle Wallis) opfern – und davonreiten. Weitere Gastauftritte im „Dark Universe“ sind also nicht ausgeschlossen.




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