Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.06.2017


“Mit Siebzehn“

Die Entdeckung der Liebe in den Pyrenäen

In seinem Film „Mit Siebzehn” inszeniert der französische Altmeister André Téchiné eine zarte Rauf- und Liebesgeschichte.

Ein Schuljahr der Verunsicherung und Hilflosigkeit: Corotin Fila als Thomas, Kacey Mottet Klein als Damien.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Filmladen</span>

© Ein Schuljahr der Verunsicherung und Hilflosigkeit: Corotin Fila als Thomas, Kacey Mottet Klein als Damien.Foto: Filmladen



Von Peter Angerer

Innsbruck – Jeden Morgen kümmert sich Thomas (Corotin Fila) auf dem Bergbauernhof seiner Adoptiveltern um die Kühe im Stall, bevor er seinen Rucksack schultert und durch den tiefen Schnee in das Tal in den französischen Pyrenäen stapft. Eineinhalb Stunden benötigt er für den Schulweg, an dessen Ziel ihn häufig eine Demütigung erwartet. Damien (Kacey Mottet Klein spielte in Ursula Meiers „Home” den Sohn von Isabelle Huppert und 2013 den „Winterdieb”) etwa verhöhnt den Mitschüler – möglicherweise nordafrikanischer Herkunft – in der Mathematikstunde.

In der Turnhalle zählen beide nicht zu den Favoriten bei der Auswahl der Mannschaften. Aber Thomas ist nicht auf Freundschaften aus, seine Liebe gehört den Tieren, der Matura soll ein Veterinärstudium folgen. Das von seiner Mutter Christine Charpoul (Mama Prassinos) zubereitete Pausenbrot verzehrt er allein auf der Toilette, anschließend fühlt er sich stark genug, sich für die Demütigungen zu rächen, wobei sich Thomas zu wehren weiß. Ein Nachbar und ehemaliger Soldat trainiert ihn in der Abwesenheit des Vaters, der sich irgendwo in Afrika als Hubschrauberpilot im Kriegseinsatz befindet, im Nahkampf.

Als die Aggressionen für die Schulleitung zu einem Problem werden, ist die Suspendierung des Schülers mit der verräterischen Hautfarbe die naheliegende Lösung, doch ausgerechnet die Mutter des angeblichen Gewaltopfers setzt sich für den Außenseiter ein. Marianne Delille (Sandrine Kiberlain) betreut als Landärztin auch Thomas’ Adoptivmutter und ist daher mit dessen dramatischer Geschichte vertraut, weshalb sie dem Jungen ein Zimmer in ihrem Haus anbietet, um ihm den aufwändigen Schulweg zu ersparen. Noch aufschlussreicher wäre ein Blick in Damiens Computer, wo sich die Anworten auf die jüngsten beunruhigenden Ereignisse finden. Die Gewaltrituale auf dem Schulhof sind die Folgen einer Verunsicherung, die mit Damiens Entdeckung seiner sexuellen Orientierung einhergehen. Kluge Erwachsene, die der Schüler in einschlägigen Internetportalen kontaktiert, verweigern sich, um einer Strafverfolgung – „ich bin doch 19!” – zu entgehen. Und Thomas entzieht sich den zärtlichen Annäherungen, die eigene Zuneigung verleugnend, in der emotionalen Hilflosigkeit gefangen, eben durch Gewalt, weil ihm keine andere Sprache zur Verfügung steht.

Wenn etwas nicht ausgesprochen wird, kann das auch die Rettung sein. Einmal raufen Damien und Thomas im Wald. Als sie von einem Unwetter überrascht werden, suchen sie Schutz in einer Höhle, vor der Thomas unlängst die Spuren eines Bären entdeckt hat. Statt davon zu erzählen, entledigt er sich seiner Kleider und springt in den See. Während Damien sich in seinem Begehren verliert, denken wir an die mögliche Gefahr. So funktioniert großes Kino, das André Téchiné seit 40 Jahren inszeniert. Téchiné ist auch ein Entdecker französischer Kinoautoren. Pascal Bonitzer und Olivier Assayas haben ihre Karrieren bei ihm begonnen. Das Skript zu „Mit Siebzehn” (im Original „Quand on a 17 ans – Wenn man 17 ist”) hat Téchiné bei Céline Sciamma in Auftrag gegeben, die zuletzt auch den Trickfilm „Mein Leben als Zucchini” geschrieben hat und auf das Selbstverständlichste vom Erwachen der Sexualität erzählen kann.