Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.06.2017


„Der Tod von Ludwig XIV.“

Elegante Gesten für die Damen

In Albert Serras „Der Tod von Ludwig XIV.” zelebriert die Kino-Ikone Jean-Pierre Léaud die schöne Kunst des Sterbens.

Die Kostüme und Perücken in „Der Tod von Ludwig XIV.” sind pompös, Jean-Pierre Léaud berührt mit minimalistischem Spiel.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Filmgarten</span>

© Die Kostüme und Perücken in „Der Tod von Ludwig XIV.” sind pompös, Jean-Pierre Léaud berührt mit minimalistischem Spiel.Foto: Filmgarten



Innsbruck – Die Einladung, sich im Schlafgemach des Königs zur Zeremonie des „Aufstehens” samt Morgentoilette und Frühstück einzufinden, war für Höflinge und Mätressen in Versailles nicht nur Auszeichnung und Verpflichtung. Das strenge Protokoll verschaffte den privilegierten Beobachtern am Hof einen Informationsvorsprung für bevorstehende Intrigen, deren Ausgang vielleicht von der Laune des Monarchen abhängig war. Ein mit Applaus gewürdigtes Bonmot des Königs konnte, an der richtigen Stelle platziert, über den weiteren Lebenslauf entscheiden. Dieses Zeremoniell wiederholte sich am Abend, wenn das „Zubettgehen” des Königs inszeniert wurde.

Dieses höfische Spektakel wollte der in Frankreich hochgeschätzte katalanische Regisseur Albert Serra auf die Spitze treiben, als ihn 2013 eine Einladung des Centre Pompidou erreichte, eine Performance zu inszenieren. Serra, der für seine preisgekrönten und im deutschen Sprachraum nie verliehenen Filme bislang nur Laiendarsteller engagiert hatte, wollte vierzehn Tage lang mit der Kino-Ikone Jean-Pierre Léaud das langsame Sterben des Königs Ludwig XIV. mit vorbeiziehenden Museumsbesuchern darstellen, doch der geforderte Aufwand überstieg die Möglichkeiten des Kulturzentrums. Das Budget reichte immerhin für die Produktion des Films „Der Tod von Ludwig XIV.”, da kein vergoldetes Schlafzimmer nachgebaut werden musste. Für die aus Versailles bekannte Pracht sorgen die Kameramänner Julien Hogert und Artur Tort, die oft mit einer einzigen Kerze dank digitaler Technik eine Stimmung erzeugen, für die Stanley Kubrick für „Barry Lyndon” noch tausend Lichtquellen benötigte.

Im August 1715 beginnt der König (Léaud) dahinzusiechen. Trotz unerträglicher Schmerzen im linken Bein lässt er einen Hut bringen, den er über die gewaltige Perücke stülpt, um den Damen seine Ehrerbietung zu erweisen. Die elegante Geste wird ebenso wie das Schlucken eines Bissens Biskuit mit Bravo-Rufen gewürdigt. Das strenge Hofzeremoniell wird auch zu einem Instrument, die Zeit anzuhalten, wenn dem dürstenden König nur der dafür bestimmte Diener im dafür vorgesehenen Kristallglas einen Schluck Wasser servieren darf. In diesen, manches Mal fünf Minuten dauernden, starren Einstellungen ist die sichtbarste Bewegung oft nur die Unterlippe, die einen wahrscheinlich zahnlosen Mund versperrt. Die mit ihrem Latein ans Ende gekommenen Ärzte und Scharlatane übersehen den Wundbrand, an dem der König am 1. September stirbt. „Beim nächsten Mal”, sagt sein Leibarzt Fagon, „machen wir es besser.“ (p. a.)